Verlorene Illusionen, Teil III

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Am Abend Auftritt mit Roland, dem Protagonisten aus Der Chef der Familie. Seit zehn Jahren hatte man sich schon vorgenommen, das Leben dieses Kleinods von Menschen in einem Buch festzuhalten. Er hat nie mit seinen Erlebnissen geprahlt, die Anekdoten kamen immer spontan. Zum Beispiel der Spaziergang mit Gorbatschows Frau Raissa Maximowna, den er 1987 organisieren musste. Er ging mit ihr zum Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain, obwohl er dort nie zuvor gewesen war und sich die Informationen dazu einfach ausdenken musste. Unvergessen auch der Moment, wie er den Mauerfall erlebt hat, als Gastronomischer Leiter im Palast der Republik.
„Am Abend des 7. November sitzt er in seinem Büro.
,Schön die Füße auf dem Tisch, ein kleines Bier in der Hand. Ich hatte den Fernseher an und hab‘ mir diese berühmte Pressekonferenz angeschaut. Und auf einmal sieht man Schabowski da auf dem Bildschirm, wie er sagt: Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.
Zuerst dachte ich, ich hab‘ mich verhört. Mir ist fast das Bier aus der Hand gefallen. Dann hab‘ ich sofort nach dem Telefonhörer gegriffen und meinen 1. Restaurantleiter angerufen und gesagt: Bring mir mal schnell die Dienstpläne für morgen! Mal kucken, wer da Dienst hat. Die Säcke hauen doch alle ab!‘“
Bei einem Besäufnis im ersten Corona-Lockdown dann der Entschluss, seine Biographie zu schreiben. Man posaunt es vor versammelter Mannschaft hinaus, ganz nach dem Motto von Papa Hemingways Replik: „Always do sober what you said you‘d do drunk… that will teach you to keep your mouth shut.“ Die man natürlich auch andersrum anwenden kann. Zwei Jahre später ist Rolands Geschichte verewigt. Wenn das kein Grund zum Feiern ist.

BAND 31: Verlorene Illusionen, S. 101 – 150

Luciens großer Auftritt im Salon Bargeton naht. Adel und Klerus stellen sich als Zuhörer ein, was Balzac in die Lage versetzt, ein ganzes Kabinett von Karikaturen aufmarschieren zu lassen. Man klopft sich vor Freude auf die Schenkel, bis sie wund werden.
Adolphe galt für einen Gelehrten ersten Ranges. Unwissend wie ein Karpfen hatte er darum doch die Artikel Zucker und Branntwein in einem landwirtschaftlichen Wörterbuch verfaßt, zwei Arbeiten, deren Einzelheiten aus allen Zeitungsartikeln und den älteren Werken über jene beiden Gegenstände zusammengetragen waren. (…) Obwohl er sich jeden Morgen in sein Zimmer einschloß, hatte er seit zwölf Jahren noch keine zwei Seiten geschrieben.“
Es gibt einen Musikliebhaber, der sich erst entspannen kann, nachdem er eine Arie aufs Publikum losgelassen hat, einen Zeichner, „der die Schlafzimmer seiner Freunde mit seinen ungereimten Eingebungen bedeckte und alle Albums des ganzen Bezirks verdarb“, gehässige Gattinnen, einen heiratsfähigen Backfisch, und „zwei oder drei furchtsame, stumme Familiensöhne, die wie ein Reliquienschrein geschmückt waren“.

Während Louise ihren Liebling respektvoll mit de Rubempré anredet, machen die anderen sich einen Spaß daraus, ihn wegen seines bürgerlichen Vaters zu demütigen. Seinem glühenden Vortrag hört dann auch kaum jemand zu, man plaudert lieber oder zockt Whist. „Kein Wunder, daß Lucien in die tiefste Mutlosigkeit verfiel, kalter Schweiß benetzte sein Hemd. (…) sein Dichterherz blutete aus tausend Wunden.“
Trotzdem versucht er es noch mit einem schülerhaften Liebesgedicht an Louise, was natürlich erst recht Spott und Eifersucht hervorruft. Am besten sind dann die höflichen Gespräche, die man selbst auch schon oft nach Auftritten über sich ergehen lassen musste, freilich nicht in einer derart niederschmetternden Form: „,Arbeiten Sie schnell?‘ fragte Lolotte mit derselben Miene, mit der sie einen Tischler gefragt hätte: ,brauchen Sie lange für eine Kiste?‘“
Lucien ist sich derweil nicht zu schade, das verkannte Genie zu spielen. Er kriegt dann auch vereinzelten Zuspruch, allerdings weniger seiner Kunst wegen, als den so vorteilhaft fallenden, goldenen Löckchen zuliebe. Auf dem Heimweg ärgert er sich, dass ihm erst jetzt schlagfertige Antworten auf die Frechheiten einfallen, man kennt das ja.

Seine Schwester Eva sitzt unterdessen mit David am Wasser. Sie beschließen zu heiraten, um gemeinsam die finanziellen Mittel für Luciens kometenhaften Aufstieg bereitstellen zu können. Kein Wunder, dass man selbst noch immer nicht berühmt ist, hat man sich doch mit so herzlosen Freunden und Geschwistern umgeben, die nur für ihr eigenes Auskommen schuften gehen.
Jedenfalls weiht David seine frische Verlobte in das Geheimnis seines zukünftigen Reichtums ein. Er wird ein Verfahren zur günstigen Papierherstellung entwickeln, indem er den noch üblichen Rohstoff Lumpen durch Pflanzenfasern ersetzt. Bei aller Aufopferung für seinen Lucien ist er dabei recht klarsichtig, und auch prophetisch, wie man annehmen darf: „Ich kenne ihn, er gehört zu denen, die am liebsten ernten, ohne zu arbeiten. (…) Früher oder später verläßt diese Frau [de Bargeton] unseren lieben Bruder, nachdem sie ihm den Geschmack an der Arbeit verdorben und statt dessen den Geschmack am Luxus gegeben hat;“

Beste Figur:

Louises Gatte, Herr von Bargeton, der so dumm ist, wie Ballettmusik: „Die einzige Verlegenheit, die er kannte, war, unter vier Augen mit jemand zusammen zu sein; sein vegetatives Leben fühlte sich dann gestört, war er doch gezwungen, in der ungeheuren Leere seines Inneren etwas zu suchen.“
Lucien ist freilich zu blauäugig, das zu checken, „Statt ihn für ein Stück Granit an der Landstraße zu nehmen, nahm er ihn für eine gefährliche Sphinx.“, was zu den bisher lustigsten und absurdesten Dialogen der ganzen Comédie humaine führt.

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2 Gedanken zu “Verlorene Illusionen, Teil III

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