Eugenie Grandet, Teil II

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Am schönsten ist, wenn das Leben sich selbst befruchtet. Man schreibt die Biographie eines Mannes, der sein halbes Leben lang Dokumentarfilmer war und 1988 die Dreharbeiten von Thomas Braschs „Der Passagier“ mit einer Videokamera begleitet hat. Gleichzeitig lernt man Judith Poznan kennen, die für die Brasch-Familie, insbesondere für Thomas schwärmt, und in ihrem famosen Newsletter darüber schreibt. Man sichtet gemeinsam das bisher unveröffentlichte Filmmaterial und wird Zeuge einer Szene, in der sich der eigene Protagonist mit Thomas Brasch in die Köppe kriegt. Sinngemäße Wiedergabe des Dialogs:
Protagonist: „Und wie fühlt sich das jetzt an, wenn so viele Leute für einen arbeiten?“
Brasch: „Die arbeiten doch nicht für mich! Wir arbeiten alle an einer Vision. Ich bin hier auch nur angestellt für Drehbuch und Regie.“
Protagonist (in einer anderen Szene, holt Luft für eine Frage)
Brasch: „Jetzt kommt der Vogel wieder und will wissen, warum die Leute für mich arbeiten.“
Daraufhin stellt er einen seiner Schauspieler vor die Kamera, der Thomas Brasch spielen und sich an seiner Statt mit den unbequemen Fragen auseinander setzen soll. Man hört das genervte Maulen des Protagonisten und freut sich über das Fallen der Vierten Wand.

BAND 30: Eugenie Grandet, S. 51 – 89

Der junge Charles Grandet ist geschockt über das ärmliche Haus seines millionenschweren Onkels. Bekümmert lässt er seine dreihundert Kilo schweren Koffer voller Hipster-Klamotten aufs karge Zimmerchen bringen. Eugenie vergeht derweil in den ersten Wallungen ihres Lebens: „Wenn sie von einem geschickten Beichtvater ausgefragt worden wäre, hätte sie ihm ohne Zweifel gestanden, daß sie weder an ihre Mutter noch an Nanon dachte, sondern von dem unwiderstehlichen Wunsch getrieben wurde, das Zimmer ihres Vetters zu besichtigen, um sich dort mit ihrem Vetter zu beschäftigen, irgend etwas hinzustellen, einem Vergessen vorzubeugen, für alles Vorkehrungen zu treffen, um es so elegant und nett wie möglich herzurichten.“
Man fragt sich unwillkürlich, ob das was Sexuelles ist. Zumindest tun das die beiden Familien Grassin und Cruchot, die die Heiratschancen ihrer Söhne sinken sehen.

Der alte Grandet kriegt von alldem nichts mit, weil er einen Brief seines Pariser Bruders – des Vaters von Charles – liest. Der berichtet darin von seinem bevorstehenden Bankrott und entsprechenden Selbstmordgedanken. Ein hinlänglicher Grund für den Geizhals, um dem jungen Vetter erstmal klar zu machen, dass es in diesem Haus nichts zu holen gibt. Man wäre arm und hätte nicht mehr als die eigene Arbeitskraft. Dann zieht der Alte sich in sein Kabinett zurück: „Kein Zweifel, daß dorthin, wenn Nanon schnarchte, daß die Balken sich bogen, wenn der Wolfshund im Hof wachte und bellte, wenn Frau und Fräulein Grandet fest eingeschlafen waren, daß dorthin der alte Küfer kam, um sein Gold zu hegen und zu pflegen, mit seinen Blicken daran zu hängen, es durcheinander zu mengen, es zu umfassen.“

Am nächsten Morgen sitzt Eugenie vorm Spiegel und findet sich nicht schön genug für den heißen Vetter. In der Küche gerät man in Streit, weil die einen dem Gast zuliebe was Besonderes auftischen wollen, der alte Grandet aber nicht mehr aus dem Vorratsschrank rausrücken will. Er lässt sich schließlich breitschlagen, dass Nanon eine Bouillon aus Raben kochen darf. „,Ist‘s war, Herr, daß Raben Leichen essen?‘ ‚Du bist wohl dumm, Nanon. Sie essen, wie jedermann, das, was sie finden. Leben wir nicht von Leichen? Was ist denn eine Erbschaft sonst?‘“
Nach dieser Diskussion geht er mit seiner Tochter spazieren und macht ihr klar, dass sie niemals den verwöhnten Tunichtgut aus Paris heiraten darf. „Die fernen Hoffnungen, die in ihrem Herzen zu keimen begannen, blühten plötzlich auf, nahmen Gestalt an und bildeten ein Büschel von Blumen, die sie abgeschnitten und am Boden liegen sah.“
Anschließend kommt man wieder nach Hause, wo die Zeitung davon berichtet, dass der Pariser Bruder sich an der Börse die Kugel gegeben hat. Der Geizhals zuckt nur mit den Schultern.

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2 Gedanken zu “Eugenie Grandet, Teil II

  1. Pingback: Eugenie Grandet, Teil I | CLINT LUKAS

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