Beatrix, Teil VI

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BAND 26: Beatrix, S. 175 – 208

Claude Vignon macht Camille eine Szene, weil sie in Calyste verliebt ist. Genau wie Kapitän Paz aus Die falsche Geliebte hätte sie ihn nur als Alibi zu sich bestellt, um den Jüngling umso besser bewundern zu können. Und weil sie ihre Energie auf solche dämlichen Spielchen gerichtet hat, statt einfach was mit Calyste anzufangen, wird ihr ewige Einsamkeit prophezeit: „Denn vor dem Eingang zur Hölle des Weibes, deren Pforten die Ziffer ,Fünfzig‘ in den Angeln dreht, bot Ihnen der Zufall die schönste Frucht, und Sie haben sich ihr versagt.“
Auch Calyste, der an der Tür gelauscht hat, fühlt sich verarscht. Immerhin hat er eineinhalb Jahre vergeblich nach Camille geschmachtet. Das hätte für alle erquicklicher laufen können. Um das Maß der holden Gesten voll zu machen, schwört Camille, dass sie ihn von nun an wie eine Mutter lieben wird. Davon fühlt sich wiederum Calystes echte Mutter bedroht, nachdem er ihr alles brühwarm gebeichtet hat. Um keine Nebenbuhlerin zu haben, fördert sie deshalb seine Liebe zu Béatrix: „Gib dir den Anschein, immer noch Fräulein des Touches zu lieben! Die Marquise wird eifersüchtig werden, und dann ist sie dein!“

Vignon und Gennaro Conti räumen das Feld. Calyste, der nun freie Bahn zu haben glaubt, will den beiden Damen zum Hafen entgegen eilen. Doch weil alles noch nicht kompliziert genug ist, schickt Balzac ihm plötzlich die Greisin Pen-Hoël samt Schwester und jener Nichte entgegen, mit der er verheiratet werden soll. Die Frauen teilen sich eine Kutsche zurück nach Guérande, während Calyste treuherzig nebenher reitet. Es kommt zu einer lustigen Smalltalk-Situation, als Camille über ihr Künstlertum ausgefragt wird:
Es waren dieselben abgeschmackten, dieselben albernen Fragen, die an Schriftsteller so häufig gerichtet werden und ihnen ihr Schaffen so grausam verleiden.
,Wie machen Sie eigentlich Ihre Bücher?‘ fragte die Vicomtesse.
,Mein Gott‘ antwortete Camille, ,wie Sie Ihre Stickereien und weiblichen Handarbeiten machen.’“
Solche Gespräche gilt es zu vermeiden. Auch Interviews, die mit den Fragen „Wie bist’n eigentlich zum Schreiben gekommen?“ oder „Clint, wo kommt’n der Name her?“ beginnen, bricht man sofort ab. Am besten wirft man beim Davonstürmen noch den Tisch um.

Zurück bei Camille auf Les Touches verscherzt Calyste es sich zum siebzehnten Mal mit Béatrix, weil er partout nicht aufhören kann, sie vollzusabbern. Schließlich nimmt Camille ihn beiseite und instruiert ihn, wie er die störrische Marquise eifersüchtig machen kann.
Man bläst die Backen auf und nimmt pustend zur Kenntnis, dass noch nicht mal die Hälfte dieses merkwürdigen Romans geschafft ist. Es ist ein weiter Weg bis Walhalla, für alle von uns.

Beste Figur:

Die Vicomtesse de Kergarouët, Mutter der blassen Charlotte, die Calyste heiraten soll: „Sie sprach sehr viel und erhaschte dabei mitunter einen Gedanken (…), was ihr den Ruf einbrachte, geistreich zu sein. (…) In ihrer Toilette zeigte sie Übertriebenheit und Mangel an Sorgfalt zugleich. (…) Sie lehnte ab, was sie begehrte, um es sich zweimal anbieten zu lassen und dadurch den Anschein zu erwecken, hartnäckig darum gebeten worden zu sein. Stets nur mit dem beschäftigt, wovon man nicht mehr sprach, war sie aufs höchste erstaunt, daß sie der Mode nachhinkte.“

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2 Gedanken zu “Beatrix, Teil VI

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