Beatrix, Teil IV

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BAND 26: Beatrix, S. 110 – 149

Félicité des Touches ist unglücklich, weil der Literaturkritiker Claude Vignon sie nicht liebt. So ganz scheint sie dem love-life also noch nicht abgeschworen zu haben. Calyste tröstet sie mit unschuldigen Komplimenten, was ihr Tränen der Rührung entlockt: „So unverdorben wie Sie ist selten jemand! Mir scheint, um den Seidenflaum Ihrer Wangen zu streicheln, bedarf es der Hand einer Eva, die eben erst aus Gottes Schoß hervorgegangen ist.“
Und wie es der Zufall will, ist genauso ein Weib bereits auf dem Weg zu ihnen, die namengebende Beatrix, Marquise von Rochefide. Unglücklich in ihrer Ehe, ist sie vor Jahren mit dem Komponisten Gennaro Conti durchgebrannt, den sie wiederum Félicité ausgespannt hat. Darin mag auch der Grund in der eher nüchternen Beschreibung liegen, die Calyste zu hören bekommt: „Sie zeigt zu sehr, daß sie schwierige Dinge weiß, daß sie etwas Chinesisch und Hebräisch kann, daß sie von Hieroglyphen eine Ahnung hat und den Papyrus, der eine Mumie umhüllt, zu deuten versteht.“
Elende Angeberin. Und wo man sich tags zuvor über Balzacs Kinn-Fetisch gewundert hat, darf man feixend lesen: „Sie hat den richtigen Habsburgermund: Die Unterlippen sind etwas stärker als die Oberlippen und hängen verächtlich herab. (…) Das Kinn ist ziemlich dick; das meinige ist ja auch nicht gerade klein, und vielleicht ist es unrecht von mir, Ihnen zu sagen, daß Frauen mit dickem Kinn in Dingen der Liebe sehr anspruchsvoll sind.“

Jedenfalls wird Beatrix nach zwei Jahren wieder nach Frankreich zurückkommen. Da ihr Paris mit seiner Gesellschaft wegen ihrem Ehebruch verschlossen bleibt, besucht sie ihre alte Freundin Félicité. Während die und Calyste noch über diese bevorstehende Ankunft beraten, steht plötzlich Claude Vignon im Zimmer. Wie immer, wenn Balzac über Figuren aus seinem eigenen Metier schreibt, entwickelt er eine erfreuliche Bosheit: „Möglich, daß bittere Einsamkeit und Mißbrauch der Geisteskräfte den jungen Mann vor der Zeit gealtert hatten. Denn Claude Vignon durchwühlt die Gedanken anderer ohne Zweck und System, die Axt seiner Kritik zerstört nur, ohne jemals dem Aufbau zu dienen. Daher war auch seine Ermattung die eines Handlangers, nicht die des Architekten.“
Auch Calyste ist nicht sicher vor dem Spott des Kritikers, ärgert sich allerdings nur über die lieblose Art mit der Claude die verehrten Félicité frotzelt. Man ahnt, dass er mit seiner Erwählten wesentlich einfühlsamer umgehen wird und man ahnt auch, wer diese Erwählte sein wird.

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2 Gedanken zu “Beatrix, Teil IV

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