Eine Evatochter, Teil IV

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BAND 25: Eine Evatochter, S. 75 – 108

Um seinen Weg zum Erfolg abzukürzen, will Raoul Nathan eine Zeitung gründen. Dafür braucht er viel Geld. Ein Anwalt und Ferdinand du Tillet steigen als Teilhaber ein, seinen eigenen Anteil kriegt er von Florine, die dafür ihre gesamte Einrichtung versetzt. Diesen Schritt feiern sie mit den Größen aus Theater und Feuilleton: „Um drei Uhr morgens konnte Florine sich auskleiden und zur Ruhe gehen, als wäre sie allein, obwohl niemand fortgegangen war. Die Leuchten des Zeitalters schliefen wie das liebe Vieh. Als am hellen Morgen die Packer, Agenten und Träger erschienen, um den ganzen Luxus fortzuschleppen, mußte sie laut lachen, als sie sah, wie die Leute diese Berühmtheiten wie große Möbelstücke ergriffen und sie auf den Fußboden legten.“

Derweil schmachten Raoul und Marie Angelika sich in holden Briefen an, erlauben sich bisweilen sogar, Blicke in der Oper zu wechseln. Der anfangs so verlotterte Dichter ist plötzlich wie ausgewechselt: „Dieser Verächter der Gesetze der Eleganz hatte eine wohlgepflegte Frisur, in deren tausend Lockenringen Parfüms glänzten. (…) Marie hatte diesen geistreichen Menschen also im Handumdrehen dahin gebracht, seinem Zynismus in Dingen der Kleidung abzuschwören. Die gewöhnlichste und die vornehmste Frau ist gleich berauscht, wenn sie den ersten Ausdruck ihrer Macht in einer solchen Metamorphose erblickt. Jede Wandlung ist ein Geständnis der Hörigkeit.“
Leider kann sie ihn nicht in ihre Loge bitten, weil Felix neben ihr sitzt. Eifersüchtig geht Nathan stattdessen zur Marquise d‘Espard, die sich mit ihren Freundinnen ins Fäustchen lacht über die Frucht ihrer gehässigen Saat. Sie laden den Dichter sogar zu ihren exklusivsten Soupers ein, damit er dort öfter auf Marie treffen kann. Um Felix de Vandenesse einen reinzuwürgen, reißen sie alle gesellschaftlichen Barrieren ein.

Zwar sieht Nathan seine angebetete Gräfin nun täglich, doch wächst ihm dadurch sein ehrgeiziger Alltag über den Kopf. Immerhin muss er sich um eine Zeitung kümmern und Stücke schreiben, um Geld zu verdienen. Der Gute kommt nicht mehr zum Schlafen, muss aber vor Marie den sorglosen Gentleman mimen. „Und wenn er zum Lohn für so viele ihr unbekannte Opfer nichts erhielt, als die sanftesten Worte und die holdesten Gewißheiten einer ewigen Zuneigung, als leidenschaftliche Händedrücke in ein paar unbeobachteten Augenblicken und glühende Liebesworte, die er mit ihr tauschte, so kam er sich bisweilen recht dumm vor“.
Zumal die Gräfin den ganzen Tag nichts zu tun hat und jedes Mal schmollt, wenn er nicht auftaucht. Man erwartet schon, dass Nathan das Projekt „Aristo-Affäre“ auf Eis legen wird, da erlaubt Marie ihm ein Küsschen. „Raoul fühlte alle seine Mühen bezahlt.“ Dafür, dass er am Anfang so großspurig daherkam, ist er ganz schön bescheiden geworden.

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2 Gedanken zu “Eine Evatochter, Teil IV

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