Der Ehekontrakt, Teil IV

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Ziel dieses Blogs ist es unter anderem, mit Balzacs Produktivität vor Augen den eigenen Fleiß zu befeuern. Man muss sich nicht gleich zu Großtaten wie einem 16-Stunden-Arbeitstag peitschen, aber auch kleine Steigerungen sind ja bereits ein Fortschritt. Ist wie beim Abnehmen, man muss nicht komplett verzichten, aber jede nicht gegessene Schnapspraline ist ein kleiner Sieg. Seit zwei Tagen bin ich nun nicht nur Blogger, sondern auch Leib-Biograph, was zwangsläufig zu einem gesteigerten Pensum führen musste.

Die erste Interview-Sitzung am Mittwoch dauerte vier Stunden, bzw. vier Flaschen Wein (je nach Zeitrechnung). Am nächsten Morgen dann Aufstehen um sechs Uhr, eine Stunde Balzac lesen, eine Stunde Balzac kommentieren. Von acht bis elf Uhr Halbtagsjob (Broterwerb), dann in den Bierbrunnen, um die Interview-Aufnahmen abzutippen. Dazu war es erstmals erforderlich, den Laptop mitzubringen. Bisher galt es das strikt zu vermeiden, Schreiben fand mit Zettel und Stift statt. Wenn sich innerhalb der nächsten Monate eine Macintosh-Hipster-Kolonie im Bierbrunnen ansiedelt, werde ich die Schuld daran tragen.

Tippen von halb zwölf bis halb drei. Spracherkennungssoftware keine Option, weil Niederschrift des Gesprochenen dem Ordnen und Verinnerlichen des Stoffes dient, somit also zum kreativen Prozess gehört. Kurze Mittagsruhe von einer Stunde, dann wieder Aufbruch zur nächsten Interview-Sitzung. In vier Stunden diesmal nur zwei Flaschen Wein, weil der Auftraggeber vom Vortag genauso zerstört ist, wie der Autor. Dafür Übergabe von etwa vierhundert Seiten Originaldokumenten, die es in den nächsten Tagen zu sichten und ggf. zu scannen gilt. Schon eher ein Job für eine studentische Hilfskraft, aber Delegieren ist auch eine Fähigkeit, die man sich erst aneignen muss.
Alles in allem also eine Arbeitszeit von zwölf Stunden. Grenzerfahrung, für die der Meister wohl nur ein müdes Lächeln übrig gehabt hätte, nach hinten über eine massige Schulter geworfen, bevor er sich wieder dem Schreibtisch zuwenden und ohne Murren eine durchwachte Nacht dranhängen würde. Und am nächsten Tag beginnt alles wieder von vorn.

BAND 19: Der Ehekontrakt, S. 143 – 199

Der letzte Teil der Erzählung ist mit SCHLUSS überschrieben und spielt fünf Jahre später. Alle Befürchtungen haben sich längst erfüllt, Paul kehrt vollkommen ruiniert nach Bordeaux zu seinem alten Notar Mathias zurück. Doch während der über die Untaten „dieses kleinen Krokodils in Frauenkleidern“ schimpft, schwebt Paul noch immer im Königreich der Liebe, hält auch seine rachsüchtige Schwiegermutter für einen Ausbund der Ehrlichkeit. Er wird sich am nächsten Tag nach Indien einschiffen, um dort ein neues Vermögen zu machen, das er seiner unersättlichen Gattin ebenfalls in den Rachen werfen will.

Kurz bevor das Schiff abfährt, erhält Paul zwei Briefe, die er jedoch erst auf hoher See öffnet. Einer stammt von seiner Frau Natalie, der andere vom Freunde Henri de Marsay. Balzac gibt sie uns aber noch nicht zum Lesen, wir müssen uns erst durch die vorangegangenen Briefe quälen, die Paul an die beiden geschrieben hat. Diese Lektüre fällt wieder ähnlich schwer, wie den letzten Zuckungen von Père Goriot beizuwohnen, auch wenn man diesmal hoffen kann, dass es am Ende noch eine große, spaßige Enthüllung geben wird. Obwohl Paul so offensichtlich vernichtet wurde, schwelgt er in Liebesschwüren. Er entschuldigt sich bei Natalie, dass er sie für sechs Jahre im Stich lassen muss, aber umso reicher zurückkehren wird.
Auch Natalie ist in ihrem Antwortbrief zuckersüß, wirft Paul nur auf kokette Art vor, dass sie natürlich mit ins schmutzige Kalkutta gekommen wäre, wenn er sie eingeweiht hätte. „Geliebte Mimose, die ein Sturm entführt hat, wie konntest Du den Boden verlassen, wo sich Dein Duft allein zu entfalten vermochte?“

In seinem ursprünglichen Brief an de Marsay lobt Paul nun wieder Natalies Hingabe, Balzac treibt die Spannung damit in fast unerträgliche Höhen. „Ich glaube, ich würde ihr [Natalie] sogar Untreue verzeihen, nicht weil ich sicher bin, mich rächen zu können, selbst wenn ich daran sterben sollte, sondern weil ich mich töten würde, damit sie glücklich sei, nachdem ich sie nicht glücklich machen konnte.“ Noch tiefer kann man wohl nicht sinken. Vielleicht ist er sich seiner Sache auch zu sicher. Er berichtet jedenfalls von einem Zwischenfall, bei dem Felix de Vandenesse seiner Frau schöne Augen gemacht hat. Angeblich musste er Natalie nur auf die mögliche Verfänglichkeit dieser Situation hinweisen, worauf sie sofort den Kontakt eingeschränkt hat.

Und dann, endlich, lässt de Marsay die Bombe platzen. Er enthüllt Paul das ganze Komplott, mit dem seine Schwiegermutter ihn und seinen Ruf ruiniert hat, eröffnet ihm außerdem, dass Natalie schon seit Jahren wie wahnsinnig in Felix de Vandenesse verliebt ist und mit ihm rumvögelt. Zwar steht er als Freund bedingungslos hinter Paul, kann aber seine Schadenfreude nicht ganz verbergen: „Verzeihe, mein Lieber, daß ich Dir im Marsay-Stil, wie Du einmal gesagt hast, über Dinge schreibe, die Du ernst nimmst. Es liegt mir fern, auf dem Grabe eines Freundes Purzelbäume zu schlagen, wie lachende Erben auf dem Grabe eines Verwandten.“
Er beschwört Paul zurückzukommen, um mit seiner Hilfe den Kampf in Paris aufzunehmen. Doch während Paul dies liest, ist er bereits an den Azoren vorbei. Balzac schließt lakonisch: „Manch einer wäre wahnsinnig geworden, Paul ging zu Bett. Er schlief jenen tiefen Schlaf, der großen Katastrophen zu folgen pflegt, er schlief wie Napoleon nach der Schlacht bei Waterloo.“

Beste Stelle:

Wenn Henri de Marsay ein für allemal mit der Illusion der ehelichen Liebe aufräumt: „Und was bedeutet eine Frau? Wirst Du denn stets auf diesem Gymnasiastenstandpunkt bleiben? Was ist das Leben, mein Lieber, wenn die Frau das ganze Leben ist? Ein Schiff, das man nicht in der Gewalt hat, das verkehrt gesteuert wird, das feindlichen Winden folgt, und auf dem man nicht mehr ist als ein armseliger Galeerensklave, den nicht nur das Gesetz verurteilt, sondern der sogar der größten Willkür preisgegeben ist, ohne sich rächen zu können. Zum Teufel!“

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2 Gedanken zu “Der Ehekontrakt, Teil IV

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