Vater Goriot, Teil I

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BAND 14: Vater Goriot, S. 1 – 44

Der Roman, der neben Verlorene Illusionen zu den bekanntesten der Comédie humaine zählt, beginnt mit einer merkwürdigen Rechtfertigung des Meisters. Man hat sich ja schon daran gewöhnt, dass er Ausschweifungen mit der Begründung einleitet, dass sie zum Verständnis der Handlung notwendig wären. Doch hier wirkt es fast wie Selbstverteidigung. Er mutmaßt, dass die Geschichte außerhalb von Paris sowieso nicht verstanden werden kann, und dass die Leserschaft bereits viel zu abgeklärt ist und seine tiefsinnige Geschichte deshalb wie Popcorn wegsnacken wird: „Auch ihr, die ihr dies Buch in einer gutgepflegten Hand halten werdet und euch in einen weichen Stuhl auf Unterhaltung bedacht niederlaßt, werdet ein gleiches tun. Nachdem ihr die geheimen Leiden von Vater Goriot gelesen haben werdet, werdet ihr gut zu Mittag essen, eure Gleichgültigkeit werdet ihr dem Verfasser zur Last legen und ihm Übertreibung und Schönfärberei vorwerfen.“
Man fühlt sich ertappt, aber auch geschmeichelt, weil einem gutgepflegte Hände und ein gesunder Lebenswandel ohne Essstörungen zugetraut werden.

Die Handlung beginnt im Haus Vauquer, einer schäbigen Pension, die von der gleichnamigen Witwe betrieben wird. Es gibt sieben Dauermieter, darunter den namengebenden Nudelfabrikanten Goriot, den zwielichtigen Vautrin, sowie den uns bereits bekannten Dandy Eugen de Rastignac. Der aber noch kein Dandy, sondern gerade erst nach Paris gekommen ist. Keiner hat mehr mit dem anderen zu tun, als nötig. Das einzige, was sie vereint, ist die Armut und die Gehässigkeit, mit der sie Vater Goriot mobben.
Der lebt wie ein Bettler, obwohl er zehntausend Franken Rente und einen Schrank voller Silbergeschirr sein eigen nennt. Hin und wieder empfängt er zwei junge, elegante Frauen, was für die anderen Mieter Anlass für schmutzige Fantasien ist. Sein Einwand, dass es sich bei den beiden um seine Töchter handelt, wird ignoriert.

In einer Nacht kommt Rastignac spät von einer Party bei der Gräfin von Beauséant nach Hause. Dass er Zugang zu diesem exklusivsten aller Pariser Salons erhalten hat, verdankt er einer Empfehlung seiner Tante. Er ist entsprechend euphorisch, auch weil er mit der schönen Anastasie von Restaud getanzt und ihr die Zusage für ein Folgedate entlockt hat. Während er noch in der Erinnerung schwelgt, hört er seltsame Geräusche. Durchs Schlüsselloch von Vater Goriots Tür beobachtet er, wie der Alte mit bloßen Händen Teile des Silbergeschirrs zerknetet. Auch im Zimmer von Vautrin scheinen Merkwürdigkeiten vorzugehen. „,Das sind Geheimnisse genug für eine bürgerliche Pension‘, dachte er.“
Doch um sie zu lüften, müssen wir bis morgen warten.

Beste Figur:

Die gute Frau Vauquer, wenn sie morgens im Speisezimmer erscheint, „in schlurrenden Pantoffeln, die ausdrucksvoll wie Gesichter sind. Ihr verblühtes fettes Gesicht, das von einer Papageiennase beherrscht wird, ihre kleinen fleischigen Hände, ihre feiste Figur, die einer vollgefressenen Kirchenratte gleicht, ihre offene Jacke, all das entspricht diesem Speisezimmer, das von Unglück durchsickert ist. (…) Die aufgeschwemmte Wohlbeleibtheit dieser kleinen Frau ist das Ergebnis ihres Lebens, wie der Typhus die Konsequenz der Ausdünstungen eines Krankenhauses ist.“

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2 Gedanken zu “Vater Goriot, Teil I

  1. Pingback: Die doppelte Familie, Teil III | CLINT LUKAS

  2. Pingback: Vater Goriot, Teil II | CLINT LUKAS

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