Eine doppelte Familie, Teil II

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Der Internationale Frauentag begann heute am Fuß der Münchner Frauenkirche. Frühschoppen beim Augustiner Klosterwirt. Nun wieder ICE zurück nach Berlin. Ich kenne München erst, seit ich Moses Wolff 2012 beim Kantinenlesen kennengelernt habe. Er lädt mich seitdem regelmäßig zu den Schwabinger Schaumschlägern als Vorleser ein. Bei den ersten Terminen waren wir immer so aufgeregt über unser Wiedersehen, dass wir viel zu schnell tranken und nach der Lesung sofort schlafen mussten.

Inzwischen gehen wir es langsamer an, auch hilft Schnupftabak der Müdigkeit vorzubeugen. Unsere Route am gestrigen Abend: Vom Isarthor zum Le Clou. Hitzige Diskussion darüber, ob Die Toten Hosen genauso doof sind, wie die Böhsen Onkelz. Ins Weiße Bräuhaus lässt man uns nicht mehr ein, weil einer unserer Begleiter bereits zu betrunken ist und seinen Mundschutz unterm Kinn trägt. Der Kellner muss daraufhin eine wüste Beschimpfung seiner Person und der seiner Mutter über sich ergehen lassen. Weshalb wiederum unser Begleiter ausgeschimpft werden muss. Letzter Absacker im Hofbräuhaus, wobei der Absacker auch im Literglas kommt. Enzian und Jägermeister.

BAND 13: Eine doppelte Familie, S. 42 – 78

In einem Rückblick erfahren wir die Geschichte Rogers von Granville. Fünfzehn Jahre früher ist er noch ledig und angehender Staatsanwalt. In einem Brief seines Vaters wird er davon in Kenntnis gesetzt, dass er seine Jugendfreundin Angelika Bontemps heiraten soll. Roger würde sich zwar lieber auf seine Karriere konzentrieren, lässt sich jedoch von Angelikas Schönheit blenden. Selbst die Tatsache, dass sie eine unverbesserliche Frömmlerin ist, kann ihn nicht schrecken, auch und vor allem, weil sein Vater ihn drängt: „,aber wenn du erst verheiratet bist, führt du sie nach Paris. Dort werden die Feste, die Ehe, die Komödie und das ganze Auf und Ab des Pariser Lebens dafür sorgen, daß sie Beichtstube, Fasten, Bußhemd und Messe, kurz alles, wovon sich diese Menschen ausschließlich nähren, vergißt.’“

Bei der Hochzeit muss Roger feierlich schwören, dass er keinen Einfluss auf die katholischen Gewohnheiten seiner Frau nehmen wird. Das fällt ihm dann auf die Füße, kaum dass die beiden nach Paris gezogen sind. Angelika jubelt ihrem vielbeschäftigten Gatten heimlich Fastenmahlzeiten unter, hockt pausenlos in der Kirche, richtet die Wohnung ein wie eine Gruft. „Wenn die angeblich Unfrommen ein frommes Haus einer Prüfung unterziehn, so stellen sie fest, daß alles darin seltsam der Anmut entbehrt: sie werden gewahr, daß eine Atmosphäre von Geiz oder Geheimniskrämerei wie bei den Wucherern herrscht, und fühlen sich von derselben mit Weihrauch parfümierten Feuchtigkeit abgestoßen, die die Luft in den Kapellen so kalt macht.“

Als Roger sich beschwert, dass sie ihn nie auf Bälle oder ins Theater begleitet, schreibt sie dem Papst persönlich einen Brief mit der Frage, ob diese Aktivitäten mit dem Gesetz der Kirche vereinbar sind. Die lakonische Antwort von Pius VII. lässt nicht lange auf sich warten: „Eine Frau ist überall an ihrem Platz, wohin ihr Gatte sie führt. Wenn sie auf seinen Befehl Sünden begeht, wird nicht sie sich eines Tages dafür zu verantworten haben.“ Für Angelika und ihren Beichtvater ist das der Beweis für die „Irreligion“ des Heiligen Vaters.

Beste Stelle:

Wenn Rogers Vater, der Graf von Granville, den Ursprung der Frömmlerei von Angelikas Mutter enthüllt: „Die alte Frau wird von den Priestern belagert, sie haben ihr beigebracht, daß es nie zu spät ist, sich den Himmel zu gewinnen, und um Sankt Peters und seiner Schlüssel recht sicher zu sein, kauft sie sie. Sie geht jeden Tag in die Messe, hört alle Predigten, beichtet jeden Sonntag, den Gott schafft, und macht sich ein Vergnügen daraus, Kapellen wiederherzustellen. Sie hat der Kathedrale soviel Schmucksachen, Chorhemden und Chorröcke gegeben, sie hat den Baldachin mit soviel Federn herausgeputzt, daß man bei der letzten Fronleichnamprozession hätte glauben können, ein großes Hängen finde statt, eine solche Menge hatte sich eingefunden, um die prunkvollen Gewänder der Geistlichen und ihre frisch vergoldeten Geräte zu sehn.“

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2 Gedanken zu “Eine doppelte Familie, Teil II

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