Eine doppelte Familie, Teil I

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Unterwegs nach München, um mit meinem Freund Moses den Internationalen Frauentag zu feiern. Er wurde am Rosenmontag angefeindet, weil er so unverschämt war, trotz des Krieges vergnügt zu sein. Offenbar steht eine neue Blütezeit der Bigotterie an. Aber die Musiker, die auf der sinkenden Titanic spielen, feiern dann wieder alle.
An sich war der Münchentrip als letzte Freizeitaktivität geplant, bevor ich mich ab Donnerstag in eine viermonatige Auftragsarbeit stürzen muss. Aber nun kann ich damit ein Zeichen setzen gegen die erstarkenden Feinde des Genusses. Sollen die ruhig ihre Cornflakes mit Wasser essen statt mit Milch, weil Putin so böse ist. Ich werde mir schön eine Mass nach der anderen spendieren, und einen Schweinsbraten dazu.

BAND 13: Eine doppelte Familie, S. 1 – 41

Es sieht so aus, als würden wir zum ersten Mal Einblick in die Lebensumstände der Pariser Arbeiterklasse erhalten. Karoline Crochat und ihre sechzigjährige Mutter sitzen von früh bis spät in ihrer dunklen Erdgeschosswohnung und sticken, ihre einzige Ablenkung sind die Passanten, die an den Fenstern vorbeigehen. Im Vergleich zu Bartolomeo di Piombo aus dem gerade gelesenen Vendetta, der so eifersüchtig war, dass er seine Tochter erst nach seinem Tod heiraten lassen wollte, verhält sich die alte Crochat wie eine Kupplerin. Sie zwinkert den Passanten zu, „nahm ihre Blicke in Empfang, musterte ihren Gang, ihre Kleidung und ihre Mienen, und schien ihnen ihre Tochter zu verschachern, so sehr versuchten ihre geschwätzigen Augen allerlei Bande der Sympathie zwischen beiden Teilen zu knüpfen“.

Die junge Karoline interessiert sich derweil nur für ihre Stickarbeit, bis „ein Herr in Schwarz“ erscheint. Ohne dass die beiden je ein Wort gewechselt hätten, verfallen sie einander. Neben dem Verlust eines Armes als göttliche Strafe (siehe Oscar Husson aus Der Beginn des Lebens und Rosalie de Watteville aus Albert Savarus), ist dies ein immer wiederkehrender, archetypischer Moment bei Balzac. Man könnte nach 33 Tagen Lektüre schon eine ganze Liste von Figuren erstellen, die sich verlieben, ohne das Ziel ihrer Sehnsucht überhaupt kennengelernt zu haben (Modeste Mignon, Théodore von Sommervieux in Das Haus zur ballspielenden Katze und nochmal Rosalie de Watteville, um nur ein paar zu nennen).

Immerhin gönnen die beiden Flirtmäuse sich diesmal eine gewisse Skepsis, weshalb sie auch nach Monaten voll stiller Blickkontakte auf Abstand bleiben: „Vielleicht wollte jeder seine geträumten Hoffnungen nicht verlieren. Manchmal hatte man die Empfindung, daß der Herr in Schwarz Angst hatte, von Lippen, die so frisch und rein wie eine Blume waren, ein plumpes Wort zu vernehmen“.
Das klingt vernünftig, vor allem weil man bei Balzac gelernt hat, dass fast alle dieser blind dates übel enden. Dann geht es aber wieder ganz schnell. Der Herr wirft dem armen Geschöpf seinen Geldbeutel durchs Fenster, „sie lächelte ihm zu und zeigte ihm wie ein Versprechen den Schmelz ihren weißen Zähne“, und einen Monat später logiert sie in einer hübschen Wohnung.
Dort besucht sie der Mann regelmäßig, aber immer viel zu kurz. Sechs Jahre später hat Karoline zwei Kinder von ihm, kennt aber noch immer nur seinen Vornamen (Roger). Sie ist zwar glücklich mit ihrem beschaulichen, komfortablen Leben, das er ihr bietet, fragt sich aber, warum er nicht heiraten will: „Die alte unbezwingbare Neugierde tauchte wieder auf und ließ sie zum tausendstenmal überlegen, welche Umstände einen so liebenden Mann wie Roger bewegen konnten, nur ein heimliches, ungesetzliches Glück zu genießen. Sie reimte tausend Romane zusammen, um sich nicht den wahren Grund eingestehen zu müssen, den sie seit langem ahnte, an den sie aber nicht zu glauben versuchte.“

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2 Gedanken zu “Eine doppelte Familie, Teil I

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