Frauenstudie

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Eine Woche, bevor Russland die Ukraine überfallen hat, schrieb ich in meiner Kolumne, dass man Champagner trinken soll, wenn Krieg droht. Nicht um den Anlass zu feiern, sondern um dagegen anzusaufen. Dieser Drang wird von Tag zu Tag stärker. Zumal der erste Schock überwunden ist und die Lage nun erst recht kompliziert wird.
Genauso war es beim Ausbruch der Pandemie. Etwa drei Wochen herrschte auf den Social Media Kanälen ungewöhnliche Stille. All die Klugscheißer, die sonst immer zu allem eine Meinung haben, schienen sich sammeln zu müssen. Mir war das Schweigen so suspekt, dass ich in der Kolumne ein bisschen gegen die Maßnahmen wetterte. Als dann kurz darauf die Querdenker-Szene entstand, war ich fast erleichtert. Weil ich dem Geschehen dadurch wieder neutral gegenüber stehen konnte. Eine Opposition ist wichtig, und sei sie auch noch so bescheuert.

In den ersten Tagen des Ukraine-Krieges wurden einem nur die Fakten präsentiert, das Geschehen wirkte eindimensional. Die Message: Stoppt diesen Krieg. Die Berliner gingen zu Hunderttausenden auf die Straße, um für Frieden zu demonstrieren. Überall auf der Welt gingen die Leute auf die Straße. Sie tun es noch.
Doch nachdem die Schockstarre überwunden ist, kommen auch die Kommentatoren wieder auf den Plan: Warum wurde gegen die Kriege in Syrien und im Jemen nicht so demonstriert? Warum schicken wir den Ukrainern Waffen, wo Waffen doch böse sind? Ist es gut, dass Bundeswehr und Atomkraft wieder salonfähig werden? Ist es gut, dass Erdogan die weltweite Fokussierung auf den Ostblock nutzt, um weiter in Nordsyrien einzumarschieren? Was machen derweil die Taliban?

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, wenn Valery Gergiev – einem der größten Dirigenten unserer Zeit – von der Münchner Philharmonie gekündigt wird, weil er sich nicht von Putin distanziert. Aber es ist passiert. Von einem Tag auf den anderen befinden wir uns in einem Zustand, den wir bisher nur aus Filmen kannten. Man muss sich als öffentliche Person zur richtigen Seite bekennen, sonst ist man weg vom Fenster.
Nur mal so zum Vergleich: In den 90ern war Sadismus en vogue. Filme wie Natural Born Killers und Pulp Fiction hatten Hochkonjunktur. Der Frauenmörder Jack Unterweger schrieb im Knast einen ekelhaft misogynen Roman, der heutzutage jedem Sechsjährigen klarmachen würde, dass dieser Typ niemals freigelassen werden darf. Wurde er aber, unter anderem auf Betreiben von Günther Grass und Elfriede Jelinek. In Zeiten von #metoo wäre das wohl nicht passiert. Aber in den 90ern war eben das Böse cool. Versteht sich von selbst, dass der Medienstar Unterweger, während er von Spiegel und Stern hofiert wurde, weitermordete, Frau um Frau um Frau.

Ständig wird man von irgendwelchen gesellschaftlichen Strömungen umspült. Ständig reißen sie an einem und wollen einen in die eine oder andere Richtung zerren. Die Stelle, an der ich stehe, gehört aber zu meiner Identität. Ich mag Putin nicht. Aber ich will auch nicht verpflichtet sein, mich von ihm zu distanzieren. Ich kann nur auf meinen Instinkt vertrauen. Der hätte mir in den 90ern sicher gesagt, dass Jack Unterweger ein Dreckschwein ist. Trotzdem hätten die großen Magazine ihn mit Kusshand als Autor genommen, statt, sagen wir mal: mich. Deshalb misstraue ich gesellschaftlichen Strömungen.
Da trinke ich lieber Champagner.

BAND 12: Frauenstudie

Heute das bisher kürzeste Stück, nur dreizehn Seiten lang. Man liest sie dadurch besonders aufmerksam und findet trotzdem nur wenig Inhalt. Eugène de Rastignac schreibt seiner Geliebten einen glühenden Brief. Weil er dabei aber an die Marquise de Listomere denkt, adressiert er ihn aus Versehen an sie, den Inbegriff der Sittenstrenge: „Es gab schon Dandys, die die Anmaßung besaßen, der Marquise beim Tanzen leicht die Hand zu drücken, aber diese Herren erhielten nur Blicke der Verachtung, und alle empfanden jene beleidigende Gleichgültigkeit, die wie Frost im Frühling den Keim der schönsten Hoffnungen zerstört.“
Sie nimmt sich vor, dem unverschämten Rastignac beim nächsten Treffen die Leviten zu lesen. Da dieses aber vier Tage auf sich warten lässt, findet bei ihr ein Vorgang statt, den Stendhal „Kristallisation“ genannt haben soll. Es wird nicht näher erläutert, was damit gemeint ist. Aber es wirkt so, als hätte die Marquise sich während der vier Tage insgeheim mit dem Gedanken an eine Affäre angefreundet. Als Rastignac ihr dann glaubwürdig auseinandersetzt, dass der Brief an seine Geliebte gerichtet war, ist sie beleidigt und kriegt „eine kleine nervöse Krise“.

Beste Stelle:

Wenn Rastignac sich für seine mangelhafte Promiskuität schämt, denn man „muß älter als fünfundzwanzig Jahre sein, um nicht zu erröten, wenn einem die Abgeschmacktheit zugemutet wird, man sei treu;“

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2 Gedanken zu “Frauenstudie

  1. Pingback: Vendetta, Teil II | CLINT LUKAS

  2. Pingback: Eine doppelte Familie, Teil I | CLINT LUKAS

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