Vendetta, Teil II

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Bisher besteht die unangefochtene Elite bei Balzac aus den alten, hochadeligen Familien, die es geschafft haben, die Revolution zu überleben, und die durch die Restauration wieder zu Reichtum und Macht gekommen sind. Auf die Parvenüs, die in der Zwischenzeit von Napoleon geadelt wurden, blickt man herab, wenn man sie überhaupt empfängt.
Die korsischen Piombos in Vendetta dagegen schöpfen ihr ganzes Standesbewusstsein aus der Treue zu ebendiesem Soldatenkaiser. Bartolomeo selbst hat dem Korsen bei seiner Rückkehr von Elba geholfen, seine Tochter vergießt Tränen, wenn sie an seine Niederlage denkt. Der alte, französische Adel ist für diese Patrioten ohne Bedeutung. Eine erfrischende Abwechslung.

BAND 11: Vendetta, S. 51 – 87

Genauso verbissen, wie er das Gesetz der Vendetta befolgt, liebt Bartolomeo di Piombo seine Tochter. Auf die Nachricht, dass sie jemanden kennengelernt hat, den sie heiraten möchte, reagiert er mit Entsetzen: „,Oh, bleib bei uns, bleib bei deinem alten Vater! Ich kann es nicht mitansehen, wenn du einen anderen liebst.’“ Allerdings ist sein korsisches Temperament so ungebrochen auf Ginevra übergegangen, dass sie stur bleibt, obwohl der Alte mit Enterbung droht.
Der Knaller kommt aber erst, als sie ihren Geliebten trotzdem bei den Eltern einführt und sich herausstellt, dass Luigi der letzte Überlebende der Portas ist, den Todfeinden der Piombos. Vater und Mutter verlassen geschockt das Zimmer, Ginevra muss sich erklären: „,Als ich meine Mutter befragte, hörte ich, daß die Portas meine Brüder getötet und unser Haus verbrannt hätten. Mein Vater hat deine ganze Familie gemordet. Aber wie bist du denn mit dem Leben davongekommen, du, den er an die Füße eines Bettes gebunden zu haben glaubte, bevor er das Haus anzündete?’“

Obwohl sie die Tragweite ihrer Entscheidung ahnt, bleibt Ginevra dabei. Der Vater geht mit dem Dolch auf sie los, tötet sie jedoch nicht. Stattdessen wird sie enterbt und verbannt. Die Hochzeit ist dann entsprechend unsexy, vor allem, weil im Standesamt als Kontrast auch fröhliche Hochzeitsgesellschaften sitzen. Ginevra zittert: „Abergläubisch wie eine Italienerin, glaubte sie in diesem Gegensatz ein übles Vorzeichen sehen zu müssen und empfand ein Gefühl des Schreckens, das ebenso unüberwindlich war, wie ihre Liebe.“
Sie entscheidet sich trotzdem dafür, einen auf Romeo und Julia zu machen, einschließlich der entsprechenden Liebesschwüre: „,Luigi, (…), mein Luigi, wir haben kein anderes Vermögen, als unsere Liebe.‘ – ,Dann sind wir reicher als alle Könige der Erde‘,antwortete er.“

Nachdem sie ein paar Tage gevögelt haben, stellen sie jedoch fest, dass man von diesem Reichtum nicht die Miete bezahlen kann. Beide nehmen Jobs an, die sie kaum über Wasser halten, arbeiten schließlich sogar die Nächte durch, was sie sich aus Zartgefühl gegenseitig verschweigen. Noch haben sie eine Dreizimmerwohnung und Schmuck, den sie verkaufen können. Doch mit der Geburt ihres Sohnes und den damit verbundenen Kosten zieht sich die Schlinge zu: „Plötzlich war die Armut da, noch nicht die häßliche, sondern die anständig verhüllte, die beinahe leicht zu ertragen ist; sie kündigte sich noch nicht erschreckend an, in ihrem Gefolge waren weder Verzweiflung, noch Angst, noch Lumpen zu sehen; aber sie ließ die Erinnerung an die Gewohnheiten des behaglichen Lebens schwinden; sie nützte das Gefühl des Stolzes ab. Dann kam das Elend in all seiner Scheußlichkeit, das sich nicht mehr um seinen Plunder kümmerte und alle menschlichen Empfindungen mit Füßen trat.“
Mit acht Monaten verhungert Ginevra das eigene Kind in den Armen, sie selbst folgt ihm kurz darauf nach. Aber sie nimmt immerhin ihren Stolz mit ins Grab. Währenddessen ringen ihre Eltern sich dazu durch, ihr zu verzeihen. Ein mieses timing. Luigi kann ihnen nur noch das Haar der Verblichenen bringen. „Die beiden Alten schwankten, als ob sie ein Blitzstrahl getroffen hätte, aber sie sahen Luigi nicht mehr aufrecht. ,Er erspart uns einen Schuß, denn er ist tot!‘, sagte Bartolomeo langsam und sah auf die Erde.“

Beste Stellen:

Wenn Bartolomeo „sich mit gewaltiger Anstrengung die Hände [reibt], was bei ihm das sicherste Zeichen von Freude war; er hatte sich das bei Hofe angewöhnt, wenn er sah, wenn Napoleon in Zorn geriet über Generale oder Minister, die ihm nicht richtig dienten, oder die einen Fehler begangen hatten.“

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2 Gedanken zu “Vendetta, Teil II

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