Die Frau von dreißig Jahren, Teil V

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BAND 10: Die Frau von dreißig Jahren, S. 185 – 280

Wieder gibt es einen Zeitsprung. Der Marquis ist zum Greis geworden, Julie ist „ungefähr sechsunddreißig Jahre alt“ und hat es in den letzten sechs Jahren fertig gebracht, ihrem Mann nochmal zwei Kinder aus der Affäre mit Charles unterzujubeln. Man sitzt abends beisammen am Kamin, die Dienstboten sind saufen, es könnte gemütlich sein, wenn nicht diese Spannung zwischen Julie und ihrer Erstgeborenen Helene wären: „Ein einziges Mal trafen sich ihre Augen und die der Marquise, ohne es gegenseitig zu vermuten. Die beiden Frauen verstanden sich dann durch einen Blick, der bei Helene matt, kalt, respektvoll, bei der Mutter düster und drohend war.“
Plötzlich klopft es an der Tür. Ein zwielichtiger, blutverschmierter Mann fordert barsch Zutritt, um sich vor der Polizei zu verstecken, die ihm auf den Fersen ist: „Bedenken Sie wohl, mein Herr, wie bittend ich auch immer bin, ich muß, von Not gezwungen, fordern. Ich verlange die Gastfreundschaft Arabiens. Ich muß Ihnen heilig sein; wenn nicht, dann öffnen Sie, ich werde in den Tod gehen.“

Wie jeder Mensch in so einer Situation, lässt der Marquis ihn natürlich rein. Beim Abwimmeln der Gendarmen erfährt er, dass sein komischer Gast einen Baron mit dem Beil erschlagen hat. Währenddessen schickt Julie ihre Tochter zu dem Fremden ins Zimmer, man weiß nicht genau, ob aus Bosheit oder Neugier. Und es kommt, was kommen muss: Helene und der Verbrecher verlieben sich ineinander und brennen zusammen durch.
Huch, denkt man sich, that escalated quickly. Aber Helene fühlt sich eben immer noch schlecht, weil sie ihren Bruder ertränkt hat. Deshalb ist ein Mörder für sie der perfekte Match. Außerdem ist sie sauer auf ihre Mutter, die Ehebrecherin, und kann ihr auf die Art noch einen reinwürgen. Der arme Marquis d‘Aiglemont weiß nicht, wie ihm geschieht: „Sie haben jetzt nicht nur einen Greis getötet; Sie ermorden hier eine ganze Familie. Was auch immer geschehen mag, in diesem Haus wird das Unglück herrschen.“

Er behält recht. Durch die Insolvenz des Bankhauses Nucingen verliert er sein gesamtes Vermögen, emigriert in die USA, wo er sechs Jahre verschollen bleibt. Er kommt zurück, auf einem Segelschiff, das sein neu erworbenes Vermögen transportiert, wird jedoch von Piraten überfallen. Alle Fahrgäste außer ihm werden hingerichtet. Als es ihm an den Kragen gehen soll, stellt er fest, dass es sich bei dem Korsaren-Kapitän um seinen unfreiwilligen Schwiegersohn handelt. Der führt ihn in seine Kabine, wo Helene wie eine Amazonenkönigin thront, zusammen mit vier wilden, schönen Kindern. Ein paar Tränchen der Rührung fließen, dann wird der Marquis frei gelassen. Er stirbt wenige Monate später an Kummer und Gram. Helene und ihre Kinder verenden in einem Sturm. Auch die beiden anderen Söhne der d‘Aiglemonts fallen Krankheit und Krieg zum Opfer.

Gegen Ende des Buches ist Julie, die Frau von dreißig Jahren, schon fünfzig. Sie lebt im Haushalt ihrer letzten noch lebenden Tochter Moïna, der sie auch ihr gesamtes Vermögen vermacht hat. Moïna, durch Heirat inzwischen Gräfin von St. Héreen, ist jedoch nicht dankbar, sondern behandelt ihre Mutter schlechter als einen Dienstboten. Als sie auch noch eine Affäre mit dem Sohn Charles‘ de Vandenesse anfängt, also mit ihrem Halbbruder, wird Julie klar, dass sie ihre gesamte Familie ruiniert hat. Sie stirbt.

Nachdem einem diese überstürzten plot-twists um die Ohren geflogen sind, fragt man sich, wie Balzac nun eigentlich zu seinen Protagonistinnen steht. Zuerst lässt er ihnen 200 Seiten lang jedes noch so miese Benehmen durchgehen, spielt sich als Anwalt der selbstgerechtesten Drachen auf, um sie dann auf den letzten fünfzig Seiten grausam zu richten.
Ob er sich beim Schreiben ins Fäustchen gelacht hat? Aber wann? Im Moment der Vernichtung, oder während er das Maß der Unerträglichkeiten langsam füllte? War er ein Zyniker, oder hat er seine melodramatischen Exzesse aufrichtig empfunden?
Vielleicht gehen ihm seine überkandidelten Figuren einfach irgendwann selbst auf den Keks. Als Gott seines Kosmos‘ hat er dann zum Glück die entsprechende Handhabe.

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2 Gedanken zu “Die Frau von dreißig Jahren, Teil V

  1. Pingback: Die Frau von dreißig Jahren, Teil IV | CLINT LUKAS

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