Die Frau von dreißig Jahren, Teil III

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BAND 10: Die Frau von dreißig Jahren, S. 102– 151

Vor Kummer über den Tod ihres platonischen Geliebten zieht Julie sich auf eins ihrer Schlösser zurück. Muffig brütet sie von früh bis spät in ihrem Zimmer. Dass aus so einem Verhalten nichts Gutes erwachsen kann, sieht man gerade wieder bei Putin. „Der Verlust der Eltern ist ein Kummer, auf den die Natur den Menschen vorbereitet hat; körperliches Leiden ist vorübergehend, berührt die Seele nicht; (…) Wenn eine junge Frau ein Neugeborenes verliert, so wird die Liebe des Gatten ihr bald einen Ersatz schaffen.“ Nur gegen die Grillen der armen Julie d‘Aiglemont ist kein Kraut gewachsen. Mit denen quält sie auch ihre Tochter Helene: „Sie verlangte im Schlosse völliges Schweigen. Ihre Tochter durfte nur weit von ihren Gemächern entfernt spielen.“
Knapp dreißig Seiten, auf denen sie sich beim Landpfarrer ausheult, verstreichen. Dann kehrt sie nach Paris zurück, als 30jährige Frau. Auf einem Ball lernt sie Charles de Vandenesse kennen, einen jungen Diplomaten, der sich bisher nicht viel aus seinen Weibergeschichten gemacht hat: „Ich finde hier nicht eine Frau, mit der es mich reizen würde zu kämpfen, die einen in den Abgrund hineinzureißen vermöchte.“

Pah. Pahaha. Wie heißt es so schön: Wenn der Schüler bereit ist, wird der Meister erscheinen. Denn der gute Charles hatte es noch nicht mit einer Frau von dreißig Jahren zu tun: „Denn ein junges Mädchen hat zuviel Illusionen, ist zu unerfahren, und ihr Geschlecht verführt sie zu sehr zur Liebe, als daß ein junger Mann sich dadurch geschmeichelt fühlen könnte; während eine Frau den ganzen Umfang der Opfer, die sie bringen muß, kennt.“
Er verliebt sich in Julie, die auch nicht ganz abgeneigt scheint. Zunächst quält sie den neuen Bachelor freilich mit dem Gespenst ihres letzten Geliebten: „Heute vor vier Jahren ist der, der mich liebte, gestorben, um meine Ehre zu retten. Diese Liebe hat jung, rein, voller Illusionen geendet. (…) Die Ehe enttäuscht meine Hoffnungen, eine nach der andern. Jetzt habe ich das gesetzlich erlaubte, wie das sogenannte strafbare Glück verloren, ohne überhaupt ein Glück gekannt zu haben. Nichts bleibt mir.“
Außer eben die paar Schlösser, das riesige Vermögen und ihre unermessliche Schönheit.

Beste Stelle:

Der Icebreaker, mit dem Charles sich auf dem Ball an Julie heranmacht: „,Gnädige Frau‘, sagte er und setzte sich neben sie. ,Eine beglückende Indiskretion hat mich wissen lassen, daß mir, ich weiß nicht wodurch, der Vorzug wurde, von Ihnen bemerkt zu werden. Ich schulde Ihnen umsomehr Dank, da ich noch nie Gegenstand einer solchen Auszeichnung war.‘“
Das möchte man doch direkt mal im Berghain ausprobieren.

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2 Gedanken zu “Die Frau von dreißig Jahren, Teil III

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