Die Frau von dreißig Jahren, Teil II

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Und während man noch darüber sinniert, in was für einer turbulenten Zeit Balzac gelebt hat – Revolution, la Terreur, Napoleon, Restauration – , stehen wir innerhalb weniger Tage am Rand eines Dritten Weltkrieges. Man beginnt bereits abzuwägen, wie man der Logik der nuklearen Erstschläge entgeht, wobei Berlin natürlich eine schlechte Wahl ist. Es ist keine Angst, die einen umtreibt, eher dieser pragmatische Fatalismus: Muss ich jetzt überhaupt noch die Steuererklärung machen, oder lohnt sich das gar nicht mehr? Man will ja seine letzten Stunden nicht verplempern.

BAND 10: Die Frau von dreißig Jahren, S. 51 – 101

Zurück in Paris verbessert sich Julies Lage nicht. Dank der Restauration darf ihr Mann sich nun wieder Marquis nennen, steigt in die höchsten politischen Ämter auf. Aber er ist und bleibt ein Tölpel. Julie muss gute Miene zum bösen Spiel machen: „Ihr so fein entwickeltes weibliches Gefühl sagte ihr, daß es viel schöner sei, einem fähigen Mann zu gehorchen, als einen Dummkopf zu leiten“. Sie verkümmert zusehends, blüht dann durch die Geburt ihrer ersten Tochter ein wenig auf. Inzwischen hat sich ihr Mann auch abgewöhnt, Sex von ihr zu wollen. Doch statt froh darüber zu sein, fürchtet Julie, dass er nun zu anderen Frauen gehen wird. Was er auch tut, er beginnt ein Verhältnis mit Frau von Sérisy, der Gattin des tollen Grafen aus Der Beginn des Lebens.
Julie ist außer sich. Warum kann Victor nicht einfach genauso asexuell sein wie sie, der Grobian? Sie will ihn zurückerobern, und „wenn ihre Künste ihn unterjocht hätten, wollte sie launisch mit ihm sein, wie die kokettsten Frauen, denen es ein Vergnügen ist, ihre Liebhaber zu quälen.“ Um diesen heiligen Zorn gerechter empfinden zu können, redet sie sich ein, dass sie all das zum Wohle der Zukunft ihrer Tochter tun muss. Wie sie darauf kommt, weiß man nicht.

Gefangen in diesem Dilemma erinnert sie sich an den Engländer von der Landstraße, der auch täglich am Haus ihrer Tante vorbeigeritten ist, ohne je einen Annäherungsversuch zu machen. „Die schweigende und furchtsame Liebe des jungen Engländers war das einzige Ereignis, das seit ihrer Verheiratung in ihrem betrübten und vereinsamten Herzen ein süßes Gedenken hinterlassen hatte.“
Er heißt Lord Arthur Grenville und verkehrt seit einer Weile in den Pariser Salons, wo er Julie stumm bewundert. Es wird nicht ausdrücklich erwähnt, aber man kann sicher sein, dass er in den letzten vier Jahren keinen weggesteckt hat, um die zarte Liebe zu Julie nicht zu beflecken. Aus Langeweile hat er Medizin studiert und schlägt dem Marquis d’Aiglemont nun vor, sich um seine kränkelnde Frau zu kümmern. Julie ist glücklich, bleibt aber ihren Prinzipien treu: „Trotzdem wollte sie sich Lord Grenville erst anvertrauen, wenn sie seine Worte und sein Betragen genügend studiert hatte, um sicher zu sein, daß sein Edelmut ihn schweigend leiden lassen würde. Sie hatte über ihn absolute Macht und mißbrauchte diese schon; war sie nicht ganz Frau?“

Im Laufe des nächsten Jahres entbrennt ein zartes Gefühlsfeuerwerk zwischen den beiden, das freilich nie über vor Rührung vergossene Tränen hinauskommt. Julie entlockt ihrem Schwarm den Schwur, dass er sie immer nur aus der Ferne lieben wird, den dieser bereitwillig leistet. Sie schickt ihn nach England, ist sauer, dass er diesem Wunsch nachkommt, und lässt die schlechte Laune darüber an ihrem Ehemann aus.
Schließlich taucht Arthur bei Julie zuhause auf, er hat dafür einen Abend abgepasst, an dem Victor auf der Jagd ist. Es kommt sogar zu einem körperlichen Kontakt: Julie zieht ihren Lover an der Hand in ein Zimmer, um ihm ihre schlafende Tochter zu zeigen. In dem Moment kommt Victor unerwartet nach Hause. Julie versteckt Arthur zuerst im Ankleidezimmer, wobei sie ihm die Finger mit der schweren Tür zerquetscht, schickt ihn dann auf ein Fenstersims in die eiskalte Nacht. Wozu das führt, erfahren wir erst in einer lakonischen Unterhaltung des Marquis‘ mit einem seiner Kumpels, die ein paar Tage später stattfindet:
Ach, willst du nicht mit mir zum Begräbnis Lord Grenvilles nach St. Thomas d’Aquin gehen?‘
,Merkwürdiger Zeitvertreib. Weiß man übrigens genau die Ursache seines Todes?‘
,Sein Kammerdiener behauptet, daß er eine ganze Nacht lang außen auf einem Fenstersims stand, um die Ehre seiner Geliebten zu retten. Und es war verdammt kalt dieser Tage.‘

Beste Stelle:

Wenn der vom Autor und seiner Protagonistin so hart verurteilte Victor d’Aiglemont einfach mal ungalant und direkt sagt, was ihn stört: „Möchtest du, wie ich es muß, ein oder zwei Jahre neben einer hübschen Frau leben, ohne auch nur wagen zu dürfen, ihr die Hand zu küssen, aus Furcht, sie zu zerbrechen? Kümmere dich niemals um diese zierlichen Wertstücke, die nur dazu gut sind, unter Glas gesetzt zu werden“.

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2 Gedanken zu “Die Frau von dreißig Jahren, Teil II

  1. Pingback: Die Frau von dreißig Jahren, Teil I | CLINT LUKAS

  2. Pingback: Die Frau von dreißig Jahren, Teil III | CLINT LUKAS

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