Albert Savarus, Teil III

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Ich habe in Wien einen Freund, der alles weiß. Vor allem Dinge, die man nicht googeln kann. Wenn ich beim Lesen auf irgendein witziges historisches Detail stoße, egal aus welcher Epoche, kennt er dazu die ganze Anekdote. Wenn man mit ihm durch Wien spaziert, kann er einem von jedem Haus sagen, wer es gebaut hat, welche Komplikationen es dabei gab, was die Zeitgenossen davon hielten.
Natürlich wollte ich von ihm gerade erst alles über die noch aus Balzac-Zeit existierenden Palais des Faubourg Saint-Germain wissen. Speziell über das, in dem heute das Rodin-Museum ist, denn es war das einzige, das man sehen konnte, weil es nicht hinter hohen Ministeriumsmauern versteckt ist. Mein Freund konnte mir berichten, dass es darin zwei barocke Rundsäle gibt, deren kostbare Täfelungen man zuerst nach Wien überführt und im Rothschild-Palais in der Heugasse installiert hat. Als dieses dann 1954 abgerissen wurde, kamen die Täfelungen zurück nach Paris und sind heute wieder an Ort und Stelle.
Der Grund für dieses Heckmeck: In besagtem Palais war zwischenzeitlich eine katholische Mädchenschule untergebracht und die Nonnen fürchteten, die Rokoko-Schnörkel und Deckengemälde könnten die Phantasie der kleinen Teufel zu sehr anregen. Der Grund, warum mein Freund das alles weiß: Er besitzt selbst Teile der Täfelungen aus anderen Sälen des Rothschild-Palais. Sie schmücken sein Wohnzimmer. Es gibt sogar eine Fotografie, auf der man Kaiser Franz-Josef sehen kann, wie er vor der Flügeltür steht, die jetzt ins Esszimmer meines Freundes führt.

Seit ich diesen Blog schreibe, liegt er mir in den Ohren, dass ich Albert Savarus lesen soll, weil es darin um die de Wattevilles geht, Nachkommen des historischen Abbé de Watteville. Wenn man ihn googelt, findet man einen kurzen Wikipedia-Artikel, der recht trocken die bewegte Geschichte dieses Superschurken wiedergibt. Mein Freund bezieht seine Informationen jedoch aus den Briefen der Madame de Sévigné und den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon, beides Zeitzeugen. Deshalb hier sinngemäß seine Version:
Der Abbé de Watteville wird von der Kirche nach Südfrankreich geschickt. Er kommt nachts in einem Wirtshaus an und will wissen, was es zu essen gibt. Auf die Auskunft, es wären sechs Hühner, zwei Karpfen, eine Lammkeule und vier Kaninchen vorrätig, will der liebe Abbé, dass alles für ihn zubereitet wird. Zufällig trifft dann noch ein anderer, hungriger Reisender in der Herberge ein. Der Wirt kann ihm nur empfehlen, den Abbé um eine Portion zu bitten. Als dieser das tut und auch nicht locker lassen will, erschießt ihn der Abbé und isst dann seelenruhig alles auf.
Solche Zusammenstöße kommen noch zwei, dreimal vor, sodass der Abbé mit einer Strafverfolgung rechnen muss. Er flieht über Marseille nach Tunis, wo er sich türkischen Piraten anschließt, zum Islam konvertiert und schließlich Admiral der osmanischen Marine wird. Als solcher ist er so erfolgreich, dass Papst und französische Krone ihn wieder für sich haben wollen. Er wird begnadigt und zum Bischof ernannt. Es heißt, dass Ludwig XIV. auf nichts versessener ist, als auf den neuesten gossip über Abbé de Watteville. Der ganze Hof kichert über die Abenteuer dieses famosen Teufelskerls.

Die Familie de Watteville gibt es bis heute, sowohl einen französischen Zweig, als auch einen in der Schweiz. Ob sie so verschlagen sind wie ihr Urahn, weiß man nicht. Doch Balzac hat seiner Protagonistin Rosalie sicher nicht zufällig diesen Namen gegeben. Denn wie wir sehen werden, macht sie ihm alle Ehre.

BAND 7: Albert Savarus, S. 82 – 159

Rosalie will, dass Albert sich in sie verliebt. Dazu muss sie ihn aber erst kennenlernen. Sie überzeugt ihren Vater, ihn als Anwalt zu engagieren und einzuladen. Und schickt den Abbè de Grancey, um die Botschaft zu überbringen. Albert lehnt jedoch ab, weil er in der Öffentlichkeit nicht mit Aristos in Verbindung gebracht werden will.
Den Grund dafür erfahren wir durch Rosalies nächsten Coup. Sie setzt ihre Zofe auf Alberts Diener an und lässt sich die Briefe des Anwalts bringen, bevor diese auf die Post gehen. Der erste ist an Leopold (den treuen Freund, der auch in der Novelle auftaucht) gerichtet. Albert berichtet darin, dass er nach Besançon gekommen ist, um Deputierter der Comté zu werden. Deshalb macht er sich als Anwalt unverzichtbar und lässt sich statt mit Geld mit Wahlstimmen bezahlen. Er klagt auch ein wenig über sein Schicksal: „Leopold, an manchen Tagen spüre ich so etwas wie Nebel um mich und bin abgespannt; aus meiner tiefsten Seele steigt dunstend ein tödlicher Nebel auf, besonders wenn ich nach langen Träumereien in den Vorfreuden künftigen Liebesglückes schwelge. Sollte die Sehnsucht in uns nur eine bestimmte Dosis Kraft haben und an zu großer Substanzverschwendung eingehen?“

Der einzige, der außer Leopold über die Pläne des Anwalts bescheid weiß, ist der Abbé de Grancey. Und nun auch Rosalie. Sie lässt sich den nächsten, diesmal an Francesca gerichteten Brief bringen, und erkennt, wie fanatisch die Liebe des Anwalts zu seiner Fürstin ist. Wenig Spielraum für eine neue Kandidatin. Zumal Rosalie sowieso schon von ihrem Gewissen gequält wird, weil sie das Briefgeheimnis gebrochen hat: „Um ihr Vergehen zu sühnen, hatte sie sich als Buße auferlegt: sie fastete, kasteite sich, indem sie, die Arme im Kreuz, stundenlang auf den Knien betete. Auch Mariette [ihre Dienerin] hatte sie zu dieser Buße angehalten. Wirkliches Asketentum mischte sich in ihre Leidenschaft, die dadurch noch gefährlicher wurde.“
Das klingt sehr romantisch. Ungefähr so, als würde man von einem Paladin des Islamischen Staats geliebt werden.

Albert arbeitet derweil weiter an seiner Karriere. Er muss es heimlich tun, weil seine Wahl gefährdet wäre, wenn im Klatschnest Besançon zu früh über seine Ambitionen gesprochen würde. Deshalb will er auch nicht für die Wattevilles arbeiten: „Hier, wo man über alles redet, wäre ich für jedermann die Kreatur Ihres Faubourg Saint-Germain.“
Sein Vertrauter, der Abbé, rät ihm jedoch, dass es seiner Laufbahn am meisten dienen würde, wenn er einfach Rosalie heiratet. Davon will der Anwalt freilich nichts wissen. Und schafft sich damit die mächtigste Gegnerin: „So selten solche Charaktere sind, Rosalien gibt es leider noch viel zu viele, und diese Geschichte sollte ihnen als Lehre dienen.“
Als erstes hintertreibt sie Alberts Wahl, damit er noch fünf weitere Jahre in Besançon bleibt. Der Abbé kriegt Wind davon, kann die Katastrophe jedoch nicht verhindern. Albert verschwindet eines Nachts, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Erst später erfahren wir den Grund dafür: Francesca hat ihm geschrieben, dass sie nun Witwe und somit nach vierzehn Jahren der Entsagung endlich frei für ihn ist. Rosalie hat diese Nachricht jedoch abgefangen und Francesca einen gefälschten Brief geschickt, in dem die Hochzeit zwischen Albert und ihr selbst angekündigt wird. Daraufhin hat die reizende Gräfin innerhalb von drei Tagen den Herzog von Rhétoré geheiratet. Wäre sie eine Indianerin, sie würde „Schäfchen ins Trockene“ heißen. Albert legt daraufhin ein Schweigegelübde ab und verschwindet für immer in einem Kloster des Kartäuserordens.

Wer glaubt, Rosalie hat damit genug angerichtet, vergisst, von wem sie abstammt. Der Abbé hat ihr längst verklickert, dass Sünden wie ihre das schlimmste Los im Jenseits nach sich ziehen. Und nicht nur dort: „ ,Rein moralische Verbrechen,‘ sagte der Abbé de Grancey streng, ,denen die menschliche Justiz nicht beizukommen vermag, sind die infamsten und abscheulichsten. Gott straft sie oftmals schon auf Erden; darin ruht der tiefe Sinn scheinbar unverständlicher, erstaunlicher Unglücksfälle…‘ “
Tatsächlich stirbt Rosalies geliebter Vater kurz darauf bei einem Unfall, was sie nachdenklich stimmt. Trotzdem will sie ihre Bosheit zur Vollendung bringen. Sie sucht Francesca auf einem Ball in Paris auf und drückt ihr die alles enthüllenden Briefe von Albert in die Hand. „ ,Ich will nicht allein leiden,‘ erklärte sie der Rivalin, ,denn wir haben uns beide, eine wie die andere, grausam an ihm vergangen!‘ “

Wo sie recht hat, denkt man. Eigentlich war Francesca sogar noch schlimmer. Immerhin hat sie Albert vierzehn Jahre lang am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Aber hier muss man wieder daran denken, dass Balzac mit seinem Werk vielleicht selbst erhört und von einer feinen Dame geheiratet werden will. Jedenfalls kommt Francesca im Buch mit dem Schrecken davon, während er Rosalie mit alttestamentarischer Grausamkeit straft. We‘re going real dark here: „Es war einer jener Unglücksfälle, auf die der greise Abbé de Grancey angespielt hatte; sie hatte sich gerade auf einem Loire-Dampfer befunden, als dessen Kessel explodierte. Fräulein de Watteville wurde ganz grauenhaft verstümmelt und verlor den rechten Arm und das linke Bein. Ihr Gesicht trägt entsetzliche Narben, die ihr jegliche Schönheit nehmen; ihre Gesundheit ist den schlimmsten Schwankungen unterworfen, kaum einen Tag ist sie ohne Schmerzen.“

Beste Figur:

Rosalie de Watteville. Es kommt schließlich auf die inneren Werte an.

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2 Gedanken zu “Albert Savarus, Teil III

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