Der Eintritt ins Leben, Teil IV

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Kurz vor der Abreise aus Paris der Schock: Ich habe gar nicht im ehemaligen Faubourg Saint-Germain gewohnt, sondern in St. Germain de-Près, westlich des Invalidendoms. Der Faubourg liegt aber östlich davon. Inzwischen ein ödes Diplomatenviertel. Die Duchesse de Maufrigneuse würde bestimmt im Grab rotieren, wenn sie wüsste, dass ihr Vorstadtpalais heute die Residenz des Botschafters irgendeines Ölstaates ist. Und so zerbröselt der Keks nunmal.

Liste der in zwei Tagen besuchten Gräber:

  • Honoré de Balzac
  • Marcel Proust
  • Charles Baudelaire
  • Oscar Wilde
  • Jim Morrison
  • Jean-Paul Sartre und seine Freundin vom anderen Geschlecht

Und wieder einen Band zu Ende gelesen. Langsam begreift man, dass es Balzac bei seinem Mammutprojekt mehr um den großen Zusammenhang ging, als um die einzelnen Bücher.
Der Eintritt ins Leben ist das bisher witzigste Buch, vermittelt aber oft einen Eindruck von Kraut und Rüben. Allein der Aufbau: Die erste Hälfte des Buches wirkt wie ein Roadmovie mit dem Personal eines Quentin Tarantino-Filmes. Alles spielt sich an einem Tag ab. Dann macht die Handlung plötzlich Sprünge von mehreren Jahren, verändert das Leben ihrer Protagonisten mit drei, vier Sätzen. Um dann wieder für zehn Seiten stillzustehen, weil Balzac ein Sittengemälde über den Alltag von Kanzleischreibern einfügt. Kein Lektor würde das heutzutage durchgehen lassen.
Aber Balzac steht ja zum Glück jenseits der Gesetze der Verwertbarkeit. Schließlich ging es ihm nicht um griffige Plots, sondern um die Abbildung einer ganzen Epoche.

BAND 6: Der Eintritt ins Leben, S. 151 – 227

Nachdem Oscar seine Eltern mit der Nachricht überrascht, nicht nur sich selbst, sondern auch deren einzigen Beschützer ruiniert zu haben, wird beschlossen, dass er zur Strafe Jura studieren muss. Balzac outet ihn also erst jetzt, nach fast zwei Dritteln des Buches, als die eigentliche Hauptfigur, auf die sich der Titel bezieht. Bisher ging es ja in erster Linie um den Grafen von Sérisy.
Oscar wird parallel zum Studium in die Lehre bei Desroches geschickt, einem jungen, ehrgeizigen Anwalt: „Er wurde ordentlich geschuhriegelt. Unter diesem Druck, der ebenso streng wie exakt gehandhabt wurde, waren sein Tag und seine Arbeit so genau eingeteilt, daß er mitten In Paris das Leben eines Mönchs führte.“
Zwei Jahre lang arbeitet er in der Kanzlei, dann bricht seine Eitelkeit wieder durch. Er verzockt bei einem Gelage mit dem Dandy Georges fünfhundert Francs, die sein Chef ihm anvertraut hat und wird entlassen. Bleibt ihm nur noch der Weg zum Militär.

Durch die Vermittlung seiner letzten Gönner wird Oscar dem Kavallerie-Regiment des Herzogs von Maufrigneuse zugeteilt, sein Kompanieführer ist der Sohn des Grafen von Sérisy. Fünf Jahre lang dient Oscar sich hoch, wird Leutnant, rettet schließlich dem Grafensohn das Leben, indem er ihn bei einer Expedition nach Afrika gegen anstürmende Araber verteidigt. Dabei verliert er einen Arm. So bringt er den alten Grafen von Sérisy nach all den Jahren dazu, ihm zu verzeihen.

Vierzehn Jahre nach der ersten Kutschenfahrt endet das Buch erneut im Gefährt Pierrotins, mit fast der gleichen Besetzung. Der alte Pächter Léger ist inzwischen zweifacher Millionär, während der einst reiche Dandy Georges verarmt ist. Oscar trägt das Offizierskreuz der Ehrenlegion und hat damit seine Ankündigung wahr gemacht, Ruhm zu erlangen: „Das Abenteuer in der Postkutsche zu Presles hatte Oscar Zurückhaltung gelehrt, der Abend bei Florentine hatte seine Ehrlichkeit gestählt, die schweren Militärjahre hatten ihm Selbstzucht beigebracht und Unterordnung unter das Schicksal. (…) Oscar ist ein sanfter Alltagsmensch, bescheiden und ohne Ansprüche, wie seine Regierung laviert er zwischen den Parteien. Er erregt weder Neid noch Verachtung. Er ist mit einem Wort der Bürger von heute.“

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2 Gedanken zu “Der Eintritt ins Leben, Teil IV

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