Modeste Mignon, Teil VI

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BAND 5: Modeste Mignon, S. 251 – 358

Der Abend der Entscheidung, an dem Modeste sich für einen ihrer Verehrer entscheiden muss, ist gekommen. Canalis führt mit sicherem Vorsprung, weil er der routinierteste Blender ist. Allerdings wirkt sein Süßholzgeraspel nur auf Modeste, der Rest der Anwesenden hat genug von dem öden Schleimer. Ernest beißt weiterhin auf Granit, und auch Hèrouville verblasst neben dem Dichter.
Acht Tage lang machte Modeste es mit ihren Freiern genau wie an diesem Abend,…“ Also doch keine Entscheidung, aber wir haben ja auch noch hundert Seiten vor uns. Schließlich bildet sich eine Front gegen Canalis, man macht ihm weis, dass Modestes Mitgift eher gering ausfallen wird. Der Dichter fällt darauf rein und zeigt der Schönen fortan die kalte Schulter, für sie ein Zeichen, dass er es nicht ernst meint.

Der Herzog von Hérouville sieht seine Chance gekommen. Er veranstaltet Modeste zuliebe eine Treibjagd, an der neben der Königin auch die vornehmsten Pariser Damen teilnehmen: die Duchesse de Maufrigneuse, die Schwiegertochter des Großjägermeisters und die Herzogin von Chaulieu. Letztere tobt vor Eifersucht, weil sie seit zwei Wochen keinen Brief von ihrem Lover Canalis gekriegt hat, und auch längst den Grund für seinen Ausflug nach Le Havre kennt.
Es kommt zum Showdown im Schloss von Rosembray, wo sich die Jagdgesellschaft versammelt. Als Canalis sich wieder bei seiner Gönnerin einschmeicheln will, ruft Modeste ihn vom anderen Ende des Saales zu sich: „Welch schmerzhafte Gedanken durchfuhren nicht den Ehrgeizigen, als ein fester Blick von Eleonore [von Chaulieu] ihn traf. Gehorchte er Modeste, so war zwischen ihm und seiner Beschützerin alles unwiederbringlich aus. Hörte er das junge Mädchen nicht, so gab er damit seine Hörigkeit zu;“

Canalis gibt klein bei und scheidet damit endgültig aus dem Rennen aus. Modeste wählt den treuen Ernest, weil der sich während all der Intrigen am edelmütigsten verhalten hat (und ihr eine Reitpeitsche mit vergoldetem Griff für 8.000 Francs schenkt). Die beiden heiraten mit dem Segen ihres Vaters, die Mutter erhält ihr Augenlicht zurück, und Balzac selbst bettet das glückliche Ende in sein Gesamtwerk ein: „Vielleicht begegnet man im Verlauf dieser langen Geschichte unserer Sitten Herrn und Frau de La Brière-la Bastie; die Kenner werden dann bemerken, wie angenehm und leicht die Ehe mit einer gebildeten und geistigen Frau zu tragen ist, denn Modeste, die gemäß ihrem Versprechen die lächerliche Kleinigkeit zu vermeiden wußte, ist noch heute der Stolz und das Glück ihres Gatten, ihrer Familie und ihrer ganzen Welt.“

Beste Figuren:

– der durchs ganze Buch von einem auf das andere Bein springende Dichter Constant Cyr Melchior Baron von Canalis
– die vor Eifersucht und Wut rasende Herzogin von Chaulieu: „Der köstliche Frauenkopf lächelt, und zu gleicher Zeit beißt der Stahl. Die Hand ist von Stahl, der Arm, der Körper, alles ist von Stahl. Canalis versuchte, sich an diesen Stahl zu klammern, aber seine Hände glitten an ihm ab, wie seine Worte an dem Herzen; und der anmutige Kopf, die anmutige Sprache und die anmutige Haltung der Herzogin verbargen vor allen Blicken den Stahl dieses Zornes, der fünfundzwanzig Grad unter Null gesunken war.“

Beste Stelle:

Wenn Modeste erkennt, dass Integrität die wichtigste Eigenschaft eines Mannes ist: „Modeste fand ihren Vater und [Ernest] La Brière inmitten dieses Olymps unendlich besser als Canalis. Da der Dichter seiner wahren und unbestreitbaren Macht, der des Geistes, entsagte, war er nichts mehr als ein Staatsrat, der nach dem Posten eines Ministers und dem Kommandeurkreuz strebte und allen Konstellationen gefallen mußte. Ernest de la Brière hatte keinen Ehrgeiz und blieb ganz er selbst, während Melchior ein kleiner Junge geworden war“.

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2 Gedanken zu “Modeste Mignon, Teil VI

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