Der Ball von Sceaux

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BAND 2: Der Ball von Sceaux

Der Graf von Fontaine, ein hochadeliger Haudegen und dank seiner bewegten Geschichte besonderer Liebling des Königs, hat drei Söhne und drei Töchter. Fünf von ihnen sind zwar unter ihrem Stand, dafür aber sehr reich verheiratet. Ein fauler Kompromiss, der für Emilie, die jüngste Tochter, niemals in Frage käme. Überhaupt ist sie ein ziemlich süßer und gemeiner Fratz. Ihr Zukünftiger soll mindestens Pair von Frankreich und auf keinen Fall dick sein, denn „obgleich ein im Orient hochgeschätzter Vorzug, erschien ihr Fettleibigkeit bei Damen als ein Unglück; beim Manne aber war es ein Verbrechen.“
Drei Jahre lang demütigt sie ihre Bewerber, reizt die größten Dandys von Paris, nur um sie wieder abblitzen zu lassen. Erst auf dem wöchentlichen Ball von Sceaux, einer Sommerfrische der reichen Pariser Familien, entdeckt sie einen Kandidaten, den geheimnisvollen Maximilien de Longueville. Durch Vermittlung ihres raubeinigen Großonkels, einem Vizeadmiral a.D., lernt sie den schönen Unbekannten kennen. Sie verliebt und verändert sich: „War es nun die melodische Stimme des jungen Mannes oder sein anziehendes Wesen, was sie entzückte, oder war es, daß sie ernsthaft Liebe empfand und daß dieses Gefühl sie umgewandelt hatte: ihr Wesen hatte alles Affektierte verloren.“

Der Knackpunkt bei alldem ist, dass man partout nichts über die Herkunft des schönen Fremden herausfinden kann. Er ist offenbar wohlhabend, glänzt in der Gesellschaft, und hat genug Zeit, um über den Verdacht einer bürgerlichen Erwerbstätigkeit erhaben zu sein. Emilie stellt ihn schließlich zur Rede. Seine Antworten sind zweideutig, doch Emilie hofft das beste, „denn wie alle leidenschaftlich erregten Menschen legte sie sie sich wie einen Orakelspruch in dem Sinne aus, der ihren Wünschen entsprach“.
Die Verliebte geht sogar soweit zu glauben, dass sie einen adeligen Bastard lieben könnte, denn „die Geschichte Frankreichs wimmelt von Fürsten, deren Wappen einen Querbalken trägt.“ So kulant ist sie natürlich nur, weil sie Maximilien mindestens für einen heimlichen Prinzen hält.

Doch dann kommt der Moment der Ernüchterung. Bei einer Ausfahrt in Paris entdeckt sie den Angebeteten in einem Stoff-Geschäft. Er ist nichts weiter als ein Kattun-Händler, und mitnichten ein de, sondern einfach nur ein Longueville. Emilie tobt vor Zorn und will am liebsten „ein Gesetz beantragen, wonach die Kaufleute (…) mit einem Brandmal an der Stirn, wie die Schafe von Berri, bis in die dritte Generation gezeichnet werden müssten.“ Sie wirft Maximilien einen Blick so voller Verachtung zu, dass auch sein Stolz erwacht. „Jeder von beiden hoffte, daß er das Herz, das er liebte, grausam verletzte.“
Beide fallen vor Unglück in eine monatelange Krankheit. Ein zufälliges Wiedersehen kann ihren Hass nur noch vertiefen. Emilie heiratet schließlich ihren 72jährigen Admiral-Großonkel, verfällt in Melancholie. Und muss bei ihrem letzten Treffen mit Maximilien erkennen, dass er inzwischen zum Pair ernannt wurde. „Sie warf einen Blick auf den Admiral, der, nach seinem familiären Ausdruck, sich noch lange an Bord halten würde, und verwünschte ihre jugendlichen Verirrungen.“

Beste Figur: Emilie von Fontaine

Beste Stelle: Wenn der Vizeadmiral, nachdem er fast einen Passanten mit seinem Pferd zertrampelt hat, sagt: „Ich sehe keine Notwendigkeit, wegen irgendeines beliebigen Ladenschwengels Umstände zu machen, der überglücklich sein müßte, wenn er von einem reizenden jungen Mädchen oder dem Kommandanten der ‚Belle-Poule‘ niedergeritten worden wäre.“

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2 Gedanken zu “Der Ball von Sceaux

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