Koks und Nutten in Prenzlberg

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Ich bin mal wieder im Puff. Bei einer Dicken diesmal. Sie hat weiche, schwarze Haare. Und wieder mal klappt es nicht mit dem Ficken. Sowas hab ich erwartet und mir deshalb die Lustigste von den vieren ausgesucht. Sie nimmt es auch riesig nett auf und lacht.
„Nennst du dich eigentlich Sexarbeiterin?“, frag ich.
„Como?“
„Oder Escort? Wie sagt man denn jetzt dazu?“
Sie zuckt mit den Schultern und geht aus dem Zimmer, kommt kurz danach wieder und hat sich meine Hose wie eine Schlange um den Hals gelegt. Jetzt macht sie einen Bauchtanz und grinst und lässt ihre enormen Brüste und Speckrollen wippen.
„Prima“, sag ich.
„Te gusta?“
„Mach nur weiter.“

Sie geht auf und ab und schlenkert ihre Haare und dann wirbelt sie meine Hose durch die Luft, dass mein Geldbeutel und die Schlüssel in den Winkeln des Zimmers verteilt werden. Durch einen Spalt im Rollladen seh ich, dass es draußen schon hell ist.
„Ich bin müde“, sag ich.
„Que?“
Ich gähne und strecke mich. Sie nimmt meine Hand und führt mich in ein anderes Zimmer. Drei Sofas stehen u-förmig an den Wänden und überall liegen Eisteeflaschen und Illustrierte herum. Im Fernsehen läuft eine Dauerwerbesendung.
„Wohnst du hier?“, frag ich.
Statt einer Antwort schubst sie mich auf eines der Sofas. Legt sich neben mich und beginnt zu zappen. Nach einer Weile kommen ihre Kolleginnen und haben eine Flasche Sekt dabei.

„Feierabend“, ruft die Älteste, Letitia, soweit ich weiß. „He, was macht der denn hier?“
„Ich bin Regisseur“, sag ich.
„Wirklich? Bist du berühmt?“
„Nur in Funk und Fernsehen.“
„Wir waren gerade bei so einem reichen Russenarsch. Der war auch berühmt. Wollte, dass wir uns gegenseitig lecken. Sonst nix. Hat nur blöd daneben gesessen. Magst du auch so’ne Sachen?“
„Weiß nicht. Zeig doch mal.“
„Nö, wir trinken jetzt. Und dann gehen wir shoppen.“

Ich nehm ihr die Flasche ab und lasse den Korken knallen. Dann reichen wir sie rum und als die Dicke zu hastig trinkt und ihr der Schaum aus der Nase spritzt, fangen wir alle an zu lachen. Plötzlich steht die Puffmutter in der Tür, das alte Schlachtschiff.
„Ich glaub’s ja nicht“, keift sie. „Der Kerl verschwindet, aber sofort!“
„Ach, Jolanta, sei doch nicht so“, sag ich. „Ich bezahl ja dafür.“
„Raus, hab ich gesagt!“
Sie knallt die Tür und man hört sie draußen davon stampfen. Letitia steht auf.
„Kommt Mädels, wir gehen alle zusammen.“
„Genau“, ruf ich. „Nehmt euch ’ne Prise Koks!“
Sie klatschen freudig in die Hände. Dann gehen wir das kurze Stück zu den Schönhauser Allee Arcaden. Die vier sind alle geschminkt und braungebrannt.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ihr auch privat so nuttig angezogen seid“, sag ich.
„Besser als deine Lumpen, du Hungerkünstler“, meint Letitia.
„Von wegen Lumpen. Das sind doch sehr schöne Sachen, nein?“
„Schön scheiße vielleicht. Am besten du kaufst dir auch gleich was Ordentliches.“
Also gehen wir zu C&A und ich stell mich in eine der Kabinen und die Girls bringen mir allerhand Anziehsachen.
„Hört mal“, ruf ich. „Ich will doch nicht zu’ner Castingshow.“
„Zeig mal her.“
Ich ziehe den Vorhang zurück und da sitzen sie im Halbkreis und beäugen mich prüfend.
„Dreh dich mal um.“
Ich dreh mich mal um.
„Ist todschick“, meint Letitia.
„Ich seh aus wie’n Zuhälter.“
„Und, bist du das nicht?“
„Hm, vielleicht gar keine schlechte Idee.“

Bei H&M machen wir es genau umgekehrt. Ich sitze draußen und die Mädels ziehen sich um und drehen sich vor mir im Kreis.
„Vielleicht n’bisschen eng“, sag ich.
„Ach, du hast ja keine Ahnung.“
„Stimmt.“
Gerade als sie mal wieder alle hinter den Vorhängen zugange sind, steht plötzlich meine Ex neben mir. Die, der ich erzählt habe, dass ich mal eine Weile allein sein muss.
„Hey“, sagt sie.
„Ach, schau mal an.“
„Was machst’n du hier? Ich dachte, du magst keine Kleiderläden.“
Dabei schaut sie herum, mit wem ich wohl da bin.
„Recherche, weißt du. Alles Recherche.“
„Olé“, ruft die Dicke und zieht den Vorhang zurück und hat etwas sehr Kleines an, beziehungsweise nur Unterwäsche.

„Soso“, sagt die Ex. „Alles Recherche, ja?“
„Ja, ich sag ja. Studienhalber. Alles rein studienhalber.“
„Zu mir hast du gesagt, du machst keine Studien.“
„Wie bitte?“
„Du hast gesagt, du schreibst über das Leben, wie es kommt. Und dass nur Idioten Studien machen, weil es verlogen ist und das Ergebnis beeinflusst.“
„Sowas soll ich gesagt haben?“
In dem Moment geht ein anderer Vorhang auf.
„So, Herr Regisseur“, meint Letitia. „Ist Ihnen das auch zu eng? Oh.“
Sie verschwindet wieder.

„Herr Regisseur“, sagt die Ex. „Lässt du dich jetzt so anreden?“
„Nur von meinen Schauspielern.“
„Sind das etwa Schauspielerinnen?“
„Klar. Wir machen Kostümprobe.“
Dann geht auch die letzte Kabine auf, die sich die beiden anderen Ladies teilen.
„Kuck mal, Papa. Partnerlook. Wenn du jetzt unser Zuhälter bist, musst du aber auch-… Huch, wer ist die denn?“
Der Vorhang geht zu und die Ex springt auf.
„Ich hab’s gewusst!“, ruft sie. „Ich hab gewusst, dass du wieder in den Puff gehst.“
„Ich muss halt auch meine Dämonen bekämpfen.“
„Was für’n Quatsch?“
„Na, weil ich so romantisch bin.“
„Du und romantisch? Dass ich nicht lache!“
„Etwa nicht?“ Hoffnung keimt in mir auf.
„Du bist die schwulste Sau, die mir je begegnet ist!“
Das hilft mir jetzt auch nicht weiter.

Zurück im Puff will ich wieder mit hochkommen, aber Jolanta gibt mir einen Stoß vor die Brust und knallt die Tür zu. Auf der Straße höre ich dann jemanden meinen Namen rufen und schaue nach oben. Da hängen vier Köpfe am Fenster.
„Kommst du mal wieder vorbei?“, fragen sie.
„Muss erstmal Geld sparen. So teuer mit euch. Und Jolanta muss den Löffel abgeben.“
„Die kriegt sich schon wieder ein. Es sei denn, wir brennen mit dir durch.“
„Wohin denn?“
„Nach Spandau!“
„Mal sehen.“
Ich geh nach Hause und die Frauen winken mir, bis ich drüben in der Choriner Straße um die Ecke gebogen bin. Hundertzwanzig Euro fürs Nichtficken mit Küssen. Und nochmal hundert fürs Koks. Hat irgendjemand eine bessere Idee, wie man sein Geld ausgeben soll? Na, also.

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Rasierklingen, Spritzen, Buddelsachen

Spielplatz3

Der Vater des anderen Kindes schaut mir tief in die Augen. In seinem Blick liegt ein verhängnisvolles Flirren. Es scheint ihm wirklich sehr wichtig zu sein, dass ich jedes seiner Worte genau mitkriege: „Der Aaron geht jetzt schon ganz allein aufs Klettergerüst. Da muss ich immer fix sein, um hinterher zu kommen. Ein richtiger Frechdachs ist das. Bin schon ganz aus der Puste. Aber deine Kleine ist ja auch flink unterwegs. Wie alt?“

„Zweieinhalb“, drücke ich aus dem Mundwinkel.
„Schön. Das ist das ALLERschönste Alter. Als der Aaron so alt war, war er am süßesten.“
„Wer ist Aaron?“
„Na, mein Sohn hier.“
„Ach so.“

Ich schau dem fremden Jungen zu, wie er lieblos mit einem Stock auf die Wiese eindrischt. Meine Halsschlagader schwillt jedes Mal an, wenn er damit dem Gesicht meiner Tochter zu nahe kommt.
„Spielplatz?“, hat sie eine Stunde vorher gefragt.
„Ach, nein, wir können doch auch in deinem Zimmer spielen.“
„Spielplatz?“
„Da sind so viele Menschen. Und die sind alle verrückt.“
„Spielplatz?“
„Nein, kuck mal, du darfst auch ein bisschen DVD schauen. Und ich hol dir nachher ein Eis.“
„SPIELPLATZ!“
„Is ja gut, schrei mich nicht an!“

RASIERKLINGEN UND SPRITZEN IM SAND? NICHT SO SCHLIMM WIE DIE NEUROSEN ANDERER VÄTER.

Meine Tochter hat ihre Buddelsachen dabei. Natürlich will der fremde Junge auch damit spielen und greift sich irgendeines der Teile. Ich weiß schon, was nun kommt.
„Aaron“, sagt der Vater gedehnt. „Hast du das Mädchen gefragt, ob du ihre Schaufel nehmen darfst?“ Aaron stiert vor sich hin. „Man muss immer erst fragen, bevor man was nimmt. Nein, NEIN, du brauchst jetzt nicht weinen. Das gehört sich einfach nicht . Leg die Schaufel zurück. Und dann nochmal von vorn.“
„Liebling“, müsste ich meine Tochter jetzt fragen. „Darf der Junge eine von deinen Schippen haben?“ Woraufhin sie genauso stieren würde.
Auf die Art kann man sich dann als Eltern die Bälle indirekt zuspielen, bis der Kosmos in einem Feuerwerk der Fremdscham implodiert.

Ich durchbreche also die Kette und schweige. Nehme stattdessen einen Schluck aus dem Flachmann. Der Whiskey-Geschmack mischt sich mit dem des Kaugummis in meinem Mund. Airwave Cool Cassis, gegen die Fahne. Passt nicht besonders gut zusammen. Ich halte dem Vater die Pulle hin, schau dabei aber Aaron an.
„Na, will dein Papa vielleicht einen kleinen Schluck Tütü für seine Nerven?“
Im nächsten Moment sind wir wieder allein.

Ein paar Meter neben uns redet ein anderer Vater auf seinen Sohn ein: „Nein, weißt du, wenn wir hier auf dem Spielplatz sind, nenn mich lieber LARS. Weil PAPA heißen hier noch ein paar andere. Da kommt man sonst durcheinander.“
Ein Mädchen, das gerade erst laufen kann, macht sich umständlich an der Holztür zu schaffen, die den Spielplatz zur Straße begrenzt. Ein ums andere Mal drückt sie sie auf und kriegt das Holz beim Zurückschwingen an den Schädel.
„Ja, so ist das“, sagt ihr nahebei stehender Daddy süffisant. „Da musst du selbst damit klar kommen. Schau dir an, was die Tür macht und-… Ja, das tut weh, das kann ich mir vorstellen. Solche Sachen musst du noch lernen. Genau deshalb gehen wir auf den Spielplatz.“

„AUF DEM SPIELPLATZ HEISSEN GANZ VIELE PAPA. NENN MICH LIEBER LARS, WENN WIR HIER SIND.“

Er wirft mir einen verschwörerischen Blick zu und bemerkt deshalb zu spät den kleinen Stock, den seine Tochter sich in den Mund steckt.
„NEIEEN!“, kreischt er in einem schrillen Falsett und stürzt panisch zu ihr. „Mach das raus. Das darfst du nicht in den Mund nehmen! Das ist schmutzig, BÄH BÄH!“
Meine Tochter schaut zuerst das heulende Mädchen an, dann ihren hyperventilierenden Vater, dann mich. Ich kann auch nur mit den Schultern zucken.

Wo sind all die dazugehörenden Mütter? Wahrscheinlich zuhause, weil sie mal für eine Viertelstunde ihre Ruhe haben wollen. Und die Kinder sind mit Sicherheit nicht diejenigen, von denen sie eine Auszeit brauchen.
Ein Sonntagmorgen im Wedding. Vor ein paar Jahren haben die Leute sich hier um diese Zeit noch gegenseitig abgestochen. Oder dem Nachbarn wenigstens mal gepflegt einen Flaschenhals durchs Gesicht gezogen. Aber die Zeiten ändern sich. Schade eigentlich. Sieht so aus, als müssten wir bald wieder umziehen.

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Es lebe die Eckkneipe

Eckkneipe

Es wird Zeit, mal wieder ein bisschen Kultur zu machen. Wochenlang hab ich nur zuhause gehockt und an der Flasche genuckelt. Kein Wunder, bei dem Goldpreis. Und seit Erdogan bei mir im Seitenflügel wohnt, geh ich sowieso ungern vor die Tür. Ich meine, will man dem echt begegnen, wenn man gerade verstohlen die Pfandtüten wegbringt? Dann lieber Leibschmerzen oder mit Mutter auf ein Sarah Connor – Konzert.

Heute zieh ich mein schönstes Seelenkostüm an und geh vorn in die Eckkneipe. Da lernt man immer was fürs Leben und manchmal gibt’s sogar Erdnuss-Flips. Ich setze mich auf den letzten freien Barhocker und lass mir ein Bier geben. Neben mir ein Gentleman um die 60, Jeansjacke, hautenge Lederhosen. Sein wesentlich jüngerer Begleiter hängt ihm gebannt an den Lippen, was wohl vor allem daran liegt, dass er kein Deutsch versteht.

„Zahit war mein Fahrer in Algier“, erzählt der Alte der Barkeeperin. „Aber wir haben uns dann auch angefreundet. Die sind ja ganz anders im Maghreb. Viel bescheidener. Nicht so materialistisch wie hier.“
Er steckt Zahit ein paar Münzen zu, die augenblicklich zum Spielautomaten getragen werden. Dort liefern sich bereits ein Türke und ein Skinhead einen Battle am Risiko-Button. Naja, Skinhead. Manche Leute sind ja so entrückt, dass es dann auch schon egal ist, ob sie links oder rechts sind. Die Bar ist besetzt von den Gewerbetreibenden aus meiner Straße. Der Installateur ist da und der Typ mit dem Rumkontor. An der Tür hält ein freundlicher Hüne aus Ghana die Stellung.

„MANCHE LEUTE SIND JA SO ENTRÜCKT, DASS ES DANN AUCH SCHON EGAL IST, OB SIE LINKS ODER RECHTS SIND.“ 

„Also ick war noch nie in Maghreb“, nimmt die Barkeeperin den verlorenen Faden auf. „Aber Tempelhof is ja ooch janz schön.“
Der Sugar-Daddy nickt beflissen, lotet dann aus, ob ich auch in die Unterhaltung einbezogen werden möchte. Ein Streit am Spielautomaten kommt seinen Avancen jedoch zuvor. Der türkische Familienvater scheint irgendwas Außergewöhnliches erreicht zu haben. Plötzlich jubeln alle, der Türsteher beginnt zu tanzen.
„Yeah, Baby“, ruft eine Lady mit Dauerwelle, die vor vierzig Jahren vielleicht mal als MILF durchgegangen wäre. „Shake it!“ Dann jubeln alle noch mehr. Bloß nicht der Skinhead. Dem passt was nicht. Er geht ganz nah mit seinem Gesicht zum Familienvater, ein paar Worte werden gewechselt, es setzt eine Ohrfeige.

Schutzsuchend schau ich zum Türsteher. Dabei wird mir klar, dass er gar kein engagierter Security ist. Er steht nur an der Tür, weil er sonst nichts zu tun hat. Freiwillige Feuerwehr. Auch die Barkeeperin fühlt sich nicht zuständig.
„Dich krieg ich heut’ noch“, schwört der Skinhead und streift geduckt durch die Kneipe. Jedes mal, wenn er sich dem Familienvater nähert, warte ich auf das Blitzen des Messers. Ein Pärchen von einem der Tische sucht eilig das Weite. Ich sehe, wie sie draußen ein Handy zücken.

Die Bullen kommen nach drei, vier Minuten. Sie tuscheln mit der Barkeeperin, die mit den Schultern zuckt und so tut, als wüsste sie nicht, was der Alarm soll.
„Hat’s hier eine Schlägerei gegeben?“, fragen sie stattdessen den Sugar-Daddy.
„Ach wo! Wir sind hier doch alle Amigos!“
„Kein Problem, no problem“, versichert Zahit.
Als die Bullen zu den Automaten kommen, stehen Skinhead und Familienvater daneben, Arm in Arm, breites Grinsen auf dem Gesicht. Aus den Lautsprechern tönt ABBA.
„Komm, Hotte, wir gehen“, sagt der ältere Polizist.
„Wartet mal!“, kräht die Frau mit der Dauerwelle. „Trinkt ihr’n Futschi mit mir?“

Resigniert wackeln die Beamten nach draußen. Als sie weg sind, geht eine diebische Freude im Laden um. Für eine Weile herrscht Harmonie. Dann kriegen sich zwei andere Suffis wegen irgendwas in die Köppe. Wieder liegt Aggression in der Luft. Die Stimmung ist kurz vorm Kippen. Ich bestelle ein neues Bier. In so illustrer Gesellschaft fühlt man sich direkt lebendig.

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In nomine Patris et filii et spiritus pipapo

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Ist gut zwanzig Jahre her, dass ich zum letzten Mal in der Kirche war. Mir hat die Hostie so gut geschmeckt, dass ich dafür sogar den Schmu ertragen habe, der da vorher verzapft wird. Irgendwann hab ich allerdings festgestellt, dass man diese Oblaten auch im Supermarkt kaufen kann.
Weiß auch nicht, woher heute die fixe Idee kommt, die mich in den Gottesdienst treibt. Als ob man Sonntag früh nichts besseres zu tun hätte – gegen den Kater antrinken, zum Beispiel. Ich will jetzt auch nicht über die Pfaffen lästern. Das wäre ja, als ob man einen Fisch in der Tonne abschießt. Keine Ahnung. Ist vielleicht einfach mal wieder an der Zeit.

Selbstverständlich kommt für diesen köstlichen Ulk nur eine katholische Kirche in Frage. Ich will mich nicht gegen meinen Herrgott versündigen. Waren es nicht die Protestanten, die den kleinen Jesus ermordet haben? Muss das bei Gelegenheit nochmal nachlesen. Auf jeden Fall kriegt man von ihren Kirchen Augenkrebs. Viele werfen ja der DDR vor, sie hätte mit ihrer Architektur den guten Geschmack vergewaltigt. Ich dagegen glaube, dass es die Evangelen waren, die als Erste die Attribute „zweckmäßig“ und „beleidigend“ verwechselt haben.

„Waren es nicht die Protestanten, die den kleinen Jesus ermordet haben?“

Ist schon ein ungewohntes Gefühl, die Kirchenglocken nicht als Hintergrundrauschen wahrzunehmen, als austauschbare Atmo wie das Vogelgezwitscher oder das Grölen besoffener Hertha-Fans. Nein, heute rufen die Glocken mich zur heiligen Eucharistie. Weihwasser, bekreuzigen, reingehen, hinknien, nochmal bekreuzigen. Gut, dass gerade jemand vor mir gekommen ist, dem ich das alles nachmachen kann.

Ich setze mich auf eine der hinteren Bänke und lausche der Einlassmusik. Kyrie Eleison. Der Priester und seine Messdiener chillen vorn am Altar, während ein Gemeindemitglied ans Rednerpult tritt. Er beginnt seinen Vortrag: „Lesung aus dem Buch Genesis. Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes…“ Und ich denke, echt jetzt? Buch Genesis? Geht’s noch naheliegender? Werde aber entschädigt, als er schließt mit: „Wort des lebendigen Gottes.“ Genau, denk ich: WORD!

Als nächstes ein Lied: „Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen.“ Dann wieder ein Text, der mir meine Sündhaftigkeit vor Augen führt, und wie sehr ich auf die Gnade des Herrn angewiesen bin. Ich versuche ja sogar zuzuhören. Diesen Tiraden, die vielfach vom Hall gebrochen auf meine stinkende Seele einprasseln. Aber irgendwie ist das alles so öde und unendlich weit vom Leben entfernt, dass mein Hirn zu Asche zerfällt.

Endlich stimmt auch mal der Pfarrer eine Litanei an und mir wird klar, wo all die Poetry Slamer ihren unnatürlichen Singsang geklaut haben. Dann wieder aufstehen, hinknien, hinsetzen, Kreuz schlagen, singen. Irgendwann gibt es die Hostie, aber nur die Streber gehen nach vorn, um sie in Empfang zu nehmen. Ich und die anderen krassen Typen aus den hinteren Sitzreihen bleiben, wo wir sind.

„Endlich stimmt auch mal der Pfarrer eine Litanei an und mir wird klar, wo all die Poetry Slamer ihren unnatürlichen Singsang geklaut haben.“

Das war ganz nett. Aber nicht toll. Für meine Kirchensteuer hätte ich was Fetzigeres erwartet. Andererseits krieg ich für die GEZ-Gebühren auch nur belanglosen Bullshit zu schlucken. Und in der Moschee neulich war es auch ziemlich langweilig. Also drück ich nochmal ein Auge zu. Wenigstens darf ich mich nach diesem Vormittag wie ein rechtschaffener Bürger fühlen.

Als ich zurück in die Kneipe komme, steht sogar noch mein angefangenes Bier da.
„Ey, wo warst’n du?“, rufen die Verdammten am Tresen.
„In der Kirche natürlich!“, donnere ich.
„Wir dachten, du hast’n Polnischen gemacht“, sagt jemand mit schlechtem Gewissen.
Ich ordere eine Runde Goldbrand für alle. Doch im Stillen denk ich, Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. WORD des lebendigen Gottes.

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Ahh, Berlinale, Berlinale, Lilien auf dem Mond

berlinale.jpgDie Gefahren, die unsere Seele bedrohen,
liegen ausgebreitet vor uns wie die Lichter einer sehr großen Stadt.
Sie begegnen uns bei Tag,
sie begegnen uns bei Nacht, bei der Arbeit, im Schlaf,
in der Liebe. Es sind ihrer
unendlich viele,
und wenn sie nicht von außen kommen, dann kommen sie
aus uns selbst.

Und die Welt
ist voll von denen, die im Kampf unterlagen,
voll von denen, die den Kampf
niemals fochten.
Seelenlose Puppen ohne Glanz in den Augen,
ohne Stimme, ohne Hoffnung, ohne Gesang.
Sie verstopfen die Straßen, verstopfen die Welt,
verstopfen unsere Köpfe.
Sie sind viele und sie sind
stark, deshalb lasst euch gesagt sein,
Brüder und Schwestern:
Ihr kämpft auf verlorenem Posten.

Sie bedrohen unsere Seele, wenn wir einkaufen gehen. Wenn sie sich zu
Menschenschlangen formieren
und reden und schubsen und vor Regalen und Preisschildern stehen,
mit offenen Mündern und
Stirnfalten, die nicht
vom Denken kommen.
Sie saugen
uns das Mark aus den Knochen, wenn sie sagen: „Lächle doch mal!“, oder
wenn sie auf der Autobahn stupid die Überholspur blockieren,
mit einhundertzwanzig, obwohl die rechte Spur frei ist und
dann Unfälle bauen und
Staus produzieren
von Flensburg bis an die Riviera.

Und sie fressen unsere Seele,
wenn sie in uns etwas Besseres sehen, als uns selbst. Ein Modell,
das sie aus ihren Schulbüchern kennen.
Psychiater, Sozialarbeiter,
hilflose Geister mit Helfersyndrom.
Sie können uns nicht
leiten, sie können uns nicht führen ins Licht, denn
sie sitzen selbst im
finstersten Schatten.
Traut ihnen nicht, traut niemandem,
der euch Rat geben will. Der
Faktor Mensch bringt alles zum
Scheitern.

Ihr habt keine Chance, sie
werden euch kriegen,
auf die ein oder andere Weise. Und
seid ehrlich: Ihr wusstet
schon immer,
dass euer Hadern nichts weiter als Spiel ist. Auch ihr
werdet bald die Straßen
verstopfen, trüben Blicks,
ohne Erinnerung an das Lachen, das euch einst lenkte.
Gebt auf
und erspart euch die Schmerzen.
Oder:

Macht weiter. Verachtet
die Logik. Verachtet die Regeln des Kampfes.
Lasst sie viele sein.
Lasst sie stärker sein.
Lasst sie Recht haben.
Lasst sie gewinnen.
Doch gebt ihnen nichts.
Gebt ihnen nichts.
Bleibt Idioten. Bleibt Abschaum. Bleibt unbelehrbares Pack.

Dann treffen wir uns, mit einem
klein bisschen Glück,
eines Tages,
auf der richtigen
Seite.

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Dem Deutschen Volke

reichstagMein Freund Tibur ist in Berlin. Er kommt aus dem Dorf, was mehrere Risiken birgt: Erstens ist er ebenso trinkfest wie trinkfreudig. Und zweitens kann es immer passieren, dass er irgendwelchen Touri-Kram machen will. Wegen ihm bin ich schon mit dem 100er Bus gefahren, war bei Curry 36 und im Simon-Dach-Kiez. Die Würde des Menschen ist unantastbar? Nicht, wenn Tibur am Start ist.

„Ey, Clint, was machen wir heute?“, weckt er mich Sonntag früh. Bis vor drei Stunden waren wir noch in der Kneipe. Ein wahrhaft fickriger Mensch.
„Ich könnte noch’n paar Stunden Schlaf vertragen“, sag ich.
„Ach, was! Wie kann man denn schlafen, wenn man in so einer Weltstadt lebt?“
„Zehn Bier und zehn Schnaps, dann geht es ganz gut. Und wir hatten das Doppelte.“
„Ich will in den Reichstag“, sagt er.
„Was zur Hölle ist dein Problem?“
„Wieso? Darf man sich nicht für Politik interessieren?“
„Doch, natürlich. Man kann sich auf für Bukkake-Pornos interessieren. Aber sowas behält man doch besser für sich.“
„Sei nicht so spießig.“

„Meine Leber platzt vor Stolz.“

Um elf stehen wir vor dem Container an der Scheidemannstraße. Gegen Tiburs Enthusiasmus hätte selbst der Mongolensturm keine Chance gehabt. Er hat es sogar geschafft, in der kurzen Zeit einen Besuchstermin klarzumachen. Verzweifelt beobachte ich die italienischen Reisegruppen, die sich einem inneren Zwang folgend an der Schlange vorbei drängeln. Durch den Kater fühlt sich mein Magen inkontinent an.
„Lass uns wenigsten irgendwo ein Konterbier trinken“, flehe ich.
„Bist du denn gar nicht aufgeregt?“
„Doch, doch. Bringen wir’s hinter uns.“
„In diesem Gebäude wurde die Demokratie erfunden!“
„Meine Leber platzt vor Stolz.“

Nachdem wir durch die Sicherheitsschleuse ins sterile Foyer vorgelassen wurden, wird mir eines schmerzlich bewusst: Alle anderen Besucher wirken wie aus dem Ei gepellt. Kein Fussel am Mantel, polierte Schuhe, saubere Hosen. Ich dagegen bin über den Platz der Republik gekommen, den Regen und Menschenmassen in ein schlammiges Woodstock verwandelt haben. Außer Tibur und mir nehmen vier Japaner und eine Schulklasse aus dem Sauerland an der Führung teil. Und alle starren die Dreckspuren an, die ich auf dem Teppich des Reichstags hinterlasse.

Im ersten Stock müssen wir wieder warten. Die Schüler setzen sich im Schneidersitz auf den Boden und werden von der Empfangsdame aufgefordert, das bleiben zu lassen.
„Wahnsinn“, haucht Tibur und glotzt in den Plenarsaal. „Sonst seh ich das immer im Fernsehen. Und jetzt sind wir tatsächlich hier.“
„Warum flüsterst du so?“, poltere ich. „Wir sind hier doch nicht in der Kirche.“
Wieder setzen sich drei Teenager hin und werden sofort wieder aufgescheucht. Die Empfangsfrau ist selbst gerade mal zwanzig und damit nur drei Jahre älter als die Schüler. Es gibt schon beschissene Jobs.

„Ein Mann muss Prioritäten setzen.“

Auf der Besuchertribüne riecht es nach Klostein. Der Redner stellt andauernd Fragen und zwinkert dabei schelmisch in die Runde.
„Um wählen zu dürfen, muss man achtzehn Jahre alt sein“, sagt er. „Aber weiß hier jemand, wie alt man sein muss, um zum Bundeskanzler gewählt zu werden?“
„Auch achtzehn!“, ruft Tibur und kriegt dafür prompt ein Fleißbienchen. Das halt ich nicht aus. Ich gehe auf die Toilette und mache, was man eben so macht, wenn man verkatert ist. Einmal hab ich im Flugzeug gekotzt, als es gerade den Himalaja überflog. Bundestag ist aber auch ziemlich mondän.

„Kommst du mit auf die Kuppel“, ruft Tibur, als er mich ausfindig gemacht hat.
„Nö“, sag ich. „Hier ist es viel gemütlicher.“
„Aber von da oben kann man die ganze Stadt sehen!“
„Mir ist schlecht. Und die Japaner machen mir Angst.“
Natürlich geh ich dann doch mit. Während wir die Spirale zum Zenit hinaufwandern, quiekt Tibur vor Vergnügen. Dabei sieht man im dichten Nebel gerade noch Tiergarten und Kanzleramt.
„Das ist der beste Tag meines Lebens!“, ruft er.
„Hast du das gestern nicht auch schon gesagt?“
„Du lässt dich für gar nichts begeistern.“
Da hat er recht. Ich hab mal vier Monate in Jerusalem gelebt und mir in der Zeit weder Klagemauer, noch Felsendom, noch Grabeskirche angeschaut. Dafür war das Bier gar nicht schlecht. Ein Mann muss Prioritäten setzen.
„Können wir jetzt endlich ins Wirtshaus gehen?“, frag ich.
„Na, gut. Aber morgen will ich zu Madame Tussaud’s.“
Alles klar. Einfach nicht drüber nachdenken. Vielleicht hab ich Glück und es bricht vorher ein kleiner Weltkrieg aus. Manchmal geschehen angeblich noch Zeichen und Wunder.

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I love Kotti

kottMit einem Fehler fing es an. Ich hab mich dazu gesetzt. Jetzt darf ich zwar immer einen Schluck Goldbrand nehmen, wenn die Flasche bei mir vorbei kommt, aber ich muss auch der Konversation zuhören.
„Und ich dachte, der stinkt.“
„Nee, der stinkt nich.“
„Ich war mir sicher, der stinkt. Der sieht so aus, als wenn er stinkt.“
„Der stinkt aber nich!“
Biggi und Krümel heißen die beiden. Sind wahrscheinlich noch nicht mal vierzig. Es ist ihr Permanent-MakeUp aus Augenringen und geplatzten Äderchen, das sie älter aussehen lässt. Ich weiß immer noch nicht, ob sie von einem Mann oder einem Hund sprechen.
„Clint!“, fährt Biggi mich an. „Du heißt doch Clint, oder? Wieso heißt’n du Clint?“
Ich kann nicht gleich antworten, weil ich ein Bier am Hals habe. Krümel kommt mir zu Hilfe.
„Mein Ex hatte auch so’n komischen Namen“, sagt sie. „Olaf hieß der.“
„Seit wann is’n Olaf n’komischer Name?“
„Also ich find ihn komisch. Was sagst’n du dazu, Finn?“
„Wer is’n Finn?“, frag ich.
„Na, du heißt doch Finn, oder?“
„Ach so. Also ich find Olaf nicht komisch. Gib mal die Flasche.“

„BIER, WEIN UND GOLDBRAND – DAS TRIPTYCHON DER GLÜCKSELIGKEIT“

Wir haben es uns vor dem Kaisers gemütlich gemacht. Außer mir und den Ladies sind mit dabei: Schulle, Martin und Jost. Aber die reden nicht viel. Nur wenn einer der Junkies vom U-Bahn-Eingang Ecke Reichenberger rüber kommt und uns anschnorren will, fangen sie an zu schimpfen. Auch hier gibt’s eine klare Hackordnung.

„Clint, du hast doch bestimmt Abitur“, fragt Biggi.
„Heißt der nich Finn?“
Ich gebe zu, dass ich tatsächlich mal in der Schule war.
„Dann kannst du mir doch bestimmt sagen“, fährt Biggi fort, „wer der siebte Kurfürst war?“
„Wie bitte?“
„Mann, hörst du schlecht“, plärrt Krümel. Wahrscheinlich will sie mich dabei anschauen, doch ihr vernebelter Blick kraucht irgendwo am Boden herum.
„Der siebte Kurfürst“, wiederholt Biggi.
„Es gab acht“, brummt Schulle dazwischen.
„Der Finn weiß gar nix. Der war auf der Baumschule.“
Biggi zählt mit geschlossenen Augen auf: Den Pfalzgraf bei Rhein, den König von Böhmen, den Markgraf von Brandenburg.
„Und die drei Erzbischöfe. Aber wer ist der siebte?“
„Es waren acht“, sagt Schulle.
„Wat’n für Erzbischöfe?“
„Na, die von Köln, Mainz und Speyer.“
„Trier“, schreit Krümel und bricht dabei ein bisschen in die Blumenrabatte. „Köln, Mainz und Trier. Uuöörps.“

„DURST IST JA AUCH EIN SYNONYM FÜR LEBEN.“

In dem Moment versucht Martin aufzustehen. Auf halber Strecke erstarrt er plötzlich und wird ganz bleich.
„Oh, Mist“, sagt er.
„Wat’n los?“
„Ich glaub, ich hab eingeschissen.“
Krümel reckt triumphierend einen Arm in die Luft. „Ich sag doch, der stinkt.“
„Also wer ist nun der siebte?“
„Es waren acht“, sagt Schulle.
„Ist noch was vom Goldbrand da?“, will ich wissen.
„Wenn du noch einmal sagst, dass es acht waren, dann dreh ich durch!“, droht Biggi.
„War’n aber acht. Der König von Bayern war auch dabei.“
„Doch erst nach dem Westfälischen Frieden!“, kreischt sie und wirft einen ihrer Schuhe nach ihm.
„Finn glaubt doch eh, dass er was Besseres ist.“
„Ich heiß Clint“, sag ich.
„Echt? Das ja’n komischer Name. Boörps, huch, tschuldigung.“ Fürsorglich wischt Krümel den Kotter von meinem Schuh. „Du biss’n netter Junge. Isser nich’n netter Junge, der Finn?“
„Also ich war mir sicher, es waren acht.“
„Ey, Jost“, ruf ich. „Hock nicht immer so auf der Flasche. Andere Leute wollen auch trinken.“
Jost reicht den Fusel weiter. Biggi gibt mir einen Klaps auf den Oberschenkel. Mann, hab ich einen Durst. Wie hat Jörg Fauser gesagt? Durst ist ja auch ein Synonym für Leben.
Und der Herzog von Sachsen rotiert im Grab wie ein Grillhähnchen.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

KaDeWe – Eat the Rich, Ban the Poor

kadeweVorbei am Kerzenmeer auf dem Breitscheidplatz, Ampel anhalten, Bogen um den übellaunigen Rohling, der mir einen Restaurant-Flyer andrehen will. Zum Schluss noch das ein oder andere Großmütterchen beiseite geschubst, dann bin ich endlich zuhause: Im Tempel der Freiheit, dem Allerheiligsten des Geschmacks: KaDeWe. Genauso bescheuert wie Dubai, aber wenigstens mit einer Geschichte.

Mit großen Schritten durchmesse ich das Erdgeschoss. An den Parfumständen lassen sich reiche Witwen die Handgelenke benetzen, plaudern dabei vertraulich mit den Verkäuferinnen – mehr soziale Kontakte haben sie vermutlich nicht mehr. Zugereiste aus Teltow Fläming beobachten das makabere Schauspiel und versuchen im Anschluss den Ennui der Großbürgerinnen zu kopieren. Die Mutigsten berühren im Überschwang sogar eine Schweinsledertasche von Louis Vuitton. Kichern, Selfie, dann schnell zurück in den dunklen Winkel der Evolution, in dem sie sich heimisch fühlen.

„KADEWE: GENAUSO BESCHEUERT WIE DUBAI, ABER WENIGSTENS MIT EINER GESCHICHTE.“

Auf dem Weg in den sechsten Stock bleibe ich vor einem großen Schild stehen: SALE 50%. In meiner Nähe zischelt ein behandschuhter Verkäufer mit seinem Kollegen:
„Ich hab sie satt, diese Kretins aus Russland. Was glauben die eigentlich?“
„Nicht so laut, Henning.“
„Steht auf meiner Stirn DEPP VOM DIENST?“
Ein anderer Lakai taucht neben mir auf, mustert meinen abgerissenen Aufzug.
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, fragt er.
„Diese SALE-Schilder“, sag ich und warte, bis er mit seinem Ohr näher kommt. „Die wirken doch ziemlich billig.“
Der Lakai richtet sich wieder auf, seufzt dann: „Wem sagen Sie das…“ Mit einem einvernehmlichen „Noblesse oblige“ gehen wir auseinander.

Kurz darauf sitz ich beim Bier am berühmten Bogenfenster, blicke auf die hart arbeitenden Angestellten der Global Gold AG auf der anderen Seite des Kudamms. An der Bar schwadronieren vier Mittsechziger im Jargon alter Verbindungsbrüder. Jeder soll mitkriegen, dass sie Stammgäste sind.
„Lass nochma die Luft raus, Hotte!“, brüllen sie den Barkeeper an. Als in der Nähe ein Kind zu plärren beginnt, aufgeschreckt durch den Lärm, tun sie brüskiert: Nicht mal hier hat man seine Ruhe vor den Lebenden.

Ich ziehe weiter, zwänge mich auf einen freien Hocker an der Moët-Bar. Links von mir drei Zahnarzt-Gattinnen vor dem Shopping-Kollaps. Rechts ein Sugar-Daddy (lachsfarbener Pulli mit hellblauem Kragen, Brille getönt, glänzende Stirn bis zur Mitte des Schädels) mit seiner Mätresse (weißer Lippenstift auf sehr schmalen Lippen, wenig Kleidung, viele Tattoos).
„Ne Portion Fritten und’n Krautsalat“, ruf ich beschwingt.
Die Barfrau schenkt mir ein Glas Rosé ein.
„…da sind dann für’n paar Tage alle Stinkefinger oben bei mir…“, wehen Gesprächsfetzen an mein Ohr. „…und da hamwa dann n’bisschen Quatschi-Quatschi gemacht. Ich meine, so einen Typ Mitarbeiter sollte er auch beherrschen KÖNNEN.“

„ZWISCHEN ZAHNARZT-GATTINNEN, SUGAR-DADDIES UND IHREN MÄTRESSEN“

Ich leere mein Glas, winke nach einem Refill. Auch hier müssen viele zeigen, wie regelmäßig sie herkommen. Das Händeschütteln mit der Bedienung wird stets mit beiden Händen ausgeführt: Ausdruck tiefster Verbundenheit. Ich beginne damit, jeden Blick missbilligend zu erwidern. Das zeigt erstaunliche Wirkung. Sofort fühlen die Emporkömmlinge sich vom Undercover-Aristokraten deklassiert. Zurecht, möchte ich meinen.

Langsam erhebe ich mich, lasse ein halbvolles Glas und übertrieben viel Trinkgeld zurück. Dann gehe ich in die Lebensmittel-Abteilung und kaufe ein: Drei Tüten Maggi Fix für Chili con Carne.

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Hunde, wollt ihr ewig leben?

 

silvesterDas Jahr geht zu Ende. Ich sitze im Sessel und versuche zu meiner Beruhigung Primzahlenreihen zu bilden: 1914, 1933, 1939, 2016. Auch nicht gerade erheiternd. Mein mathematisches Talent lässt zu wünschen übrig. Aber irgendwie muss man sich ablenken. Da! Schon wieder ein Knall, der die Fensterscheiben erzittern lässt. Seit gestern verkaufen die Spätis Feuerwerkskörper. Und die Kinder aus der Nachbarschaft sind redlich bemüht, eine Atmosphäre wie im Osten Aleppos zu schaffen.

Gab es neulich nicht wieder einen größeren Unfall auf einem Feuerwerksmarkt bei Mexiko-Stadt? Ich will jetzt nicht die Phrase vom „sinnlosen Tod“ aus dem Hut zaubern. Aber es gibt schon extrem bescheuerte Arten zu sterben. Wer will zum Beispiel von einem Smart überfahren werden? Das ist doch würdelos. Genauso wie in einer Achterbahn draufzugehen. Wenn der TÜV Murks gemacht hat und die Gondel sich in einer Kurve aus der Verankerung löst. Da denkt man doch, während man auf den Betonboden zusegelt: „Scheiße. Ich hätt’s eigentlich wissen müssen.“ Epic Fail.

„ICH BILDE ERBAULICHE PRIMZAHLENREIHEN: 1914, 1933, 1939, 2016“

Ein sinnloser Tod. Kennt man ja aus dem Krieg. Verdun. Dardanellen. Ardennen. Was man außerdem aus dem Krieg kennt, ist Lärm. Als die Welle einmal nach Stalingrad und zurück geschwappt ist, wurde deshalb eher wenig ziviles Feuerwerk abgebrannt. Auch nach ’45 hat sich das in Europa erstmal nicht geändert. Wahrscheinlich weil die Produktion von Flaschenraketen nur schleppend anlief. Vielleicht aber auch, weil die Leute einfach gemerkt haben, wie uncool Krieg ist. Genauso wie alles, was an ihn erinnert.

Aber im Moment wähnt der Ottonormaldepp den Krieg weit entfernt und deckt sich deshalb hysterisch mit Böllern ein. Und wie immer, wenn entfesselte Menschenmassen die Straßen beherrschen, sehe ich nur einen Ausweg: Flucht aus Berlin. Untertauchen im Umland. Vor der guten Laune euphorisierter Kretins kann man nur in Deckung gehen. Und dabei hoffen, dass die eigene Wohnung nicht von einem Querschläger in Brand gesteckt wird.

Kennt jemand den Film „The Purge“? Eine dystopische Gesellschaft schafft sich einen Feiertag, an dem das Morden erlaubt ist. Damit sich die Bevölkerung mal so richtig austoben kann und den Rest des Jahres nicht rumnervt. Wenn ich am 29. Dezember durch den Wedding schlendere, muss ich immer daran denken. Noch zwei, drei Jahre, dann läuft das hier auch so. Zehnjährige Gören lungern vor Hauseingängen herum und werfen Kanonenschläge nach allem, was sich bewegt. Radfahrer werden mit Raketen vom Sattel geblasen. Familienväter stehen auf ihren Balkons und ballern ein Magazin nach dem anderen leer. Hülsen und verbranntes Schwarzpulver auf dem Asphalt. In der Luft das freudlose Lachen der Verdammten.

„IHR, DIE IHR HIER EINTRETET, LASST ALLE HOFFNUNG FAHREN.“

Dabei haben sie noch nicht mal angefangen zu saufen. Erst an Silvester beginnt das große Gelage. Wenn die Amateurtrinker ihre ulkigen Brühen verteilen. Sekt, Sangria und Bowle. Überzuckert und aufgeschwemmt von der Adventszeit, kann man zum Schluss nochmal richtig ins Klo greifen. Damit das alte Jahr kotzend endet. Und das neue kotzend beginnt.

Gut, dass ich dann nicht da bin. Ich komme erst zurück nach Berlin, wenn Asche und Rauch sich gelegt haben. Bis dahin entzünde ich eine Wunderkerze. Für die Zukunft unserer glorreichen Spezies. Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren. HAPPY 2017.

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So schön, dass man kotzen möchte

gluhweinklein

Irgendein archaisches Fest scheint demnächst wieder anzustehen. In der neuen Folge seiner misanthropischen Seifenoper geht Clint der Sache auf den Grund.

Glühwein. Ein schönes, heißes Glas Glühwein. Gerade in der kalten Jahreszeit trink ich gern mal ein SCHÖNES GLAS GLÜHWEIN. Gehört für mich einfach dazu. Wenn’s draußen kalt wird. Ich fang immer schon im September an Schokoladen-Nikoläuse zu fressen vor lauter Vorfreude. Mann, ich liebe einfach Glühwein.

Am besten schmeckt er am Alex. Da ist auch die Atmosphäre, ach, die ist einfach magisch. Also ich bin ja eher altmodisch, was Weihnachtsmärkte betrifft. Ich bin so ein Mensch, schon immer gewesen, für den gehören Maroni und gebrannte Mandeln einfach dazu. Aber am Alex, ja? Da gibt’s noch tausend andere Sachen. Emoji-Plüschkissen, zum Beispiel. So fürs Sofa. Handy-Zubehör. Geldbeutel aus Bangladesch. Und Verkäufer aus Bangladesch. Mit Nikolaus-Mützen.

„HEISSE MARONI, MINI-SEGWAYS UND EMOJI-PLÜSCHKISSEN“

Schon am Eingang zum Markt könnte ich vor Wonne kotzen. Wenn ich in die Schwärme herzensguter Schlägertypen gerate, ihre Frauchen am Arm, Visagen wie Fallbeile. Apropos, es gibt da tatsächlich ein Fallbeil. Zum Posieren für festliche Fotos. Vorm DAEMONIUM steht das. Auf einem Weihnachtsmarkt darf eine Geisterbahn schließlich nicht fehlen. Und hier gibt es zwei. Ich will jetzt nicht bieder sein. Wenn das Volk einen Prater will, soll es einen bekommen.

Weil toll ist das schon. Dass man im Crazy Game Palace gleich die Drohnen und Mini-Segways für die Bescherung gewinnen kann. Ist dir schlecht vom fettigen Langosz mit Käse und Schmand? Dann rein in die Wilde Maus. Sollen doch alle was davon haben. Die Schausteller aus Benelux beobachten das Treiben mit hasserfüllten Gesichtern. Und die Taschendiebe beklauen sich aus Langeweile schon gegenseitig.

Jauchzen möchte man da! Wenn die Karstadt-Betriebsfeier geschlossen auf die Eisbahn drängt. Rotweinmünder und einsame Hüften, die sich zum Beat von Andrea Berg um sich selbst drehen. „Was ich für dich fühle zeig ich nicht – die Gefühle haben Schweigepflicht.“ Hatten letztes Jahr nicht alle Angst, dass es auf Weihnachtsmärkten zu Terror-Anschlägen kommen könnte? Was soll die Aufregung? Hier sind doch alle schon tot.

Jetzt einen schönen Glühwein. Ist wie der Tomatensaft im Flugzeug. Normalerweise käme man niemals auf die Idee, so einen Schmu zu trinken. Aber in bestimmten Situationen ist es heilige Pflicht. Und nur sechs Euro fünfzig das Glas! Unter dem Fusel ein leichter Hauch von Verwesung. Ahhh, das schmeckt. Danach noch auf einen Absacker ins Partyhaus vom Nikolaus. Jeden Tag ab 19 Uhr Hüttenparty.

„ANGST VOR TERRORANSCHLÄGEN? HIER SIND DOCH ALLE SCHON TOT.“

Und wie beruhigend ist es zu sehen, dass die ausländischen Touristen sich hier so bereitwillig einfügen in unsere Leitkultur. Die Männer tragen würdelose Wollmützen, die Frauen Haarreifen mit Glitzergeweih. Dann stehen sie am brennenden Fass beisammen, schütten Eierpunsch in sich hinein und grölen Melodien aus einer besseren Welt.

Da krieg ich direkt weiche Knie. Integration ist doch möglich. Wenn das Hirn umnebelt ist von Adventshysterie und süßen Getränken, darf sich jeder als Teil derselben großen Familie fühlen. Auch ich will dazu gehören. Deshalb noch ein Glas Glühwein. Bis der Stirnlappen platzt. Wir sind die Krone der Schöpfung. Wir können stolz auf uns sein. Im übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.

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