Rasierklingen, Spritzen, Buddelsachen

Spielplatz3

Der Vater des anderen Kindes schaut mir tief in die Augen. In seinem Blick liegt ein verhängnisvolles Flirren. Es scheint ihm wirklich sehr wichtig zu sein, dass ich jedes seiner Worte genau mitkriege: „Der Aaron geht jetzt schon ganz allein aufs Klettergerüst. Da muss ich immer fix sein, um hinterher zu kommen. Ein richtiger Frechdachs ist das. Bin schon ganz aus der Puste. Aber deine Kleine ist ja auch flink unterwegs. Wie alt?“

„Zweieinhalb“, drücke ich aus dem Mundwinkel.
„Schön. Das ist das ALLERschönste Alter. Als der Aaron so alt war, war er am süßesten.“
„Wer ist Aaron?“
„Na, mein Sohn hier.“
„Ach so.“

Ich schau dem fremden Jungen zu, wie er lieblos mit einem Stock auf die Wiese eindrischt. Meine Halsschlagader schwillt jedes Mal an, wenn er damit dem Gesicht meiner Tochter zu nahe kommt.
„Spielplatz?“, hat sie eine Stunde vorher gefragt.
„Ach, nein, wir können doch auch in deinem Zimmer spielen.“
„Spielplatz?“
„Da sind so viele Menschen. Und die sind alle verrückt.“
„Spielplatz?“
„Nein, kuck mal, du darfst auch ein bisschen DVD schauen. Und ich hol dir nachher ein Eis.“
„SPIELPLATZ!“
„Is ja gut, schrei mich nicht an!“

RASIERKLINGEN UND SPRITZEN IM SAND? NICHT SO SCHLIMM WIE DIE NEUROSEN ANDERER VÄTER.

Meine Tochter hat ihre Buddelsachen dabei. Natürlich will der fremde Junge auch damit spielen und greift sich irgendeines der Teile. Ich weiß schon, was nun kommt.
„Aaron“, sagt der Vater gedehnt. „Hast du das Mädchen gefragt, ob du ihre Schaufel nehmen darfst?“ Aaron stiert vor sich hin. „Man muss immer erst fragen, bevor man was nimmt. Nein, NEIN, du brauchst jetzt nicht weinen. Das gehört sich einfach nicht . Leg die Schaufel zurück. Und dann nochmal von vorn.“
„Liebling“, müsste ich meine Tochter jetzt fragen. „Darf der Junge eine von deinen Schippen haben?“ Woraufhin sie genauso stieren würde.
Auf die Art kann man sich dann als Eltern die Bälle indirekt zuspielen, bis der Kosmos in einem Feuerwerk der Fremdscham implodiert.

Ich durchbreche also die Kette und schweige. Nehme stattdessen einen Schluck aus dem Flachmann. Der Whiskey-Geschmack mischt sich mit dem des Kaugummis in meinem Mund. Airwave Cool Cassis, gegen die Fahne. Passt nicht besonders gut zusammen. Ich halte dem Vater die Pulle hin, schau dabei aber Aaron an.
„Na, will dein Papa vielleicht einen kleinen Schluck Tütü für seine Nerven?“
Im nächsten Moment sind wir wieder allein.

Ein paar Meter neben uns redet ein anderer Vater auf seinen Sohn ein: „Nein, weißt du, wenn wir hier auf dem Spielplatz sind, nenn mich lieber LARS. Weil PAPA heißen hier noch ein paar andere. Da kommt man sonst durcheinander.“
Ein Mädchen, das gerade erst laufen kann, macht sich umständlich an der Holztür zu schaffen, die den Spielplatz zur Straße begrenzt. Ein ums andere Mal drückt sie sie auf und kriegt das Holz beim Zurückschwingen an den Schädel.
„Ja, so ist das“, sagt ihr nahebei stehender Daddy süffisant. „Da musst du selbst damit klar kommen. Schau dir an, was die Tür macht und-… Ja, das tut weh, das kann ich mir vorstellen. Solche Sachen musst du noch lernen. Genau deshalb gehen wir auf den Spielplatz.“

„AUF DEM SPIELPLATZ HEISSEN GANZ VIELE PAPA. NENN MICH LIEBER LARS, WENN WIR HIER SIND.“

Er wirft mir einen verschwörerischen Blick zu und bemerkt deshalb zu spät den kleinen Stock, den seine Tochter sich in den Mund steckt.
„NEIEEN!“, kreischt er in einem schrillen Falsett und stürzt panisch zu ihr. „Mach das raus. Das darfst du nicht in den Mund nehmen! Das ist schmutzig, BÄH BÄH!“
Meine Tochter schaut zuerst das heulende Mädchen an, dann ihren hyperventilierenden Vater, dann mich. Ich kann auch nur mit den Schultern zucken.

Wo sind all die dazugehörenden Mütter? Wahrscheinlich zuhause, weil sie mal für eine Viertelstunde ihre Ruhe haben wollen. Und die Kinder sind mit Sicherheit nicht diejenigen, von denen sie eine Auszeit brauchen.
Ein Sonntagmorgen im Wedding. Vor ein paar Jahren haben die Leute sich hier um diese Zeit noch gegenseitig abgestochen. Oder dem Nachbarn wenigstens mal gepflegt einen Flaschenhals durchs Gesicht gezogen. Aber die Zeiten ändern sich. Schade eigentlich. Sieht so aus, als müssten wir bald wieder umziehen.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erschien als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

Ahh, Berlinale, Berlinale, Lilien auf dem Mond

berlinale.jpgDie Gefahren, die unsere Seele bedrohen,
liegen ausgebreitet vor uns wie die Lichter einer sehr großen Stadt.
Sie begegnen uns bei Tag,
sie begegnen uns bei Nacht, bei der Arbeit, im Schlaf,
in der Liebe. Es sind ihrer
unendlich viele,
und wenn sie nicht von außen kommen, dann kommen sie
aus uns selbst.

Und die Welt
ist voll von denen, die im Kampf unterlagen,
voll von denen, die den Kampf
niemals fochten.
Seelenlose Puppen ohne Glanz in den Augen,
ohne Stimme, ohne Hoffnung, ohne Gesang.
Sie verstopfen die Straßen, verstopfen die Welt,
verstopfen unsere Köpfe.
Sie sind viele und sie sind
stark, deshalb lasst euch gesagt sein,
Brüder und Schwestern:
Ihr kämpft auf verlorenem Posten.

Sie bedrohen unsere Seele, wenn wir einkaufen gehen. Wenn sie sich zu
Menschenschlangen formieren
und reden und schubsen und vor Regalen und Preisschildern stehen,
mit offenen Mündern und
Stirnfalten, die nicht
vom Denken kommen.
Sie saugen
uns das Mark aus den Knochen, wenn sie sagen: „Lächle doch mal!“, oder
wenn sie auf der Autobahn stupid die Überholspur blockieren,
mit einhundertzwanzig, obwohl die rechte Spur frei ist und
dann Unfälle bauen und
Staus produzieren
von Flensburg bis an die Riviera.

Und sie fressen unsere Seele,
wenn sie in uns etwas Besseres sehen, als uns selbst. Ein Modell,
das sie aus ihren Schulbüchern kennen.
Psychiater, Sozialarbeiter,
hilflose Geister mit Helfersyndrom.
Sie können uns nicht
leiten, sie können uns nicht führen ins Licht, denn
sie sitzen selbst im
finstersten Schatten.
Traut ihnen nicht, traut niemandem,
der euch Rat geben will. Der
Faktor Mensch bringt alles zum
Scheitern.

Ihr habt keine Chance, sie
werden euch kriegen,
auf die ein oder andere Weise. Und
seid ehrlich: Ihr wusstet
schon immer,
dass euer Hadern nichts weiter als Spiel ist. Auch ihr
werdet bald die Straßen
verstopfen, trüben Blicks,
ohne Erinnerung an das Lachen, das euch einst lenkte.
Gebt auf
und erspart euch die Schmerzen.
Oder:

Macht weiter. Verachtet
die Logik. Verachtet die Regeln des Kampfes.
Lasst sie viele sein.
Lasst sie stärker sein.
Lasst sie Recht haben.
Lasst sie gewinnen.
Doch gebt ihnen nichts.
Gebt ihnen nichts.
Bleibt Idioten. Bleibt Abschaum. Bleibt unbelehrbares Pack.

Dann treffen wir uns, mit einem
klein bisschen Glück,
eines Tages,
auf der richtigen
Seite.

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I love Kotti

kottMit einem Fehler fing es an. Ich hab mich dazu gesetzt. Jetzt darf ich zwar immer einen Schluck Goldbrand nehmen, wenn die Flasche bei mir vorbei kommt, aber ich muss auch der Konversation zuhören.
„Und ich dachte, der stinkt.“
„Nee, der stinkt nich.“
„Ich war mir sicher, der stinkt. Der sieht so aus, als wenn er stinkt.“
„Der stinkt aber nich!“
Biggi und Krümel heißen die beiden. Sind wahrscheinlich noch nicht mal vierzig. Es ist ihr Permanent-MakeUp aus Augenringen und geplatzten Äderchen, das sie älter aussehen lässt. Ich weiß immer noch nicht, ob sie von einem Mann oder einem Hund sprechen.
„Clint!“, fährt Biggi mich an. „Du heißt doch Clint, oder? Wieso heißt’n du Clint?“
Ich kann nicht gleich antworten, weil ich ein Bier am Hals habe. Krümel kommt mir zu Hilfe.
„Mein Ex hatte auch so’n komischen Namen“, sagt sie. „Olaf hieß der.“
„Seit wann is’n Olaf n’komischer Name?“
„Also ich find ihn komisch. Was sagst’n du dazu, Finn?“
„Wer is’n Finn?“, frag ich.
„Na, du heißt doch Finn, oder?“
„Ach so. Also ich find Olaf nicht komisch. Gib mal die Flasche.“

„BIER, WEIN UND GOLDBRAND – DAS TRIPTYCHON DER GLÜCKSELIGKEIT“

Wir haben es uns vor dem Kaisers gemütlich gemacht. Außer mir und den Ladies sind mit dabei: Schulle, Martin und Jost. Aber die reden nicht viel. Nur wenn einer der Junkies vom U-Bahn-Eingang Ecke Reichenberger rüber kommt und uns anschnorren will, fangen sie an zu schimpfen. Auch hier gibt’s eine klare Hackordnung.

„Clint, du hast doch bestimmt Abitur“, fragt Biggi.
„Heißt der nich Finn?“
Ich gebe zu, dass ich tatsächlich mal in der Schule war.
„Dann kannst du mir doch bestimmt sagen“, fährt Biggi fort, „wer der siebte Kurfürst war?“
„Wie bitte?“
„Mann, hörst du schlecht“, plärrt Krümel. Wahrscheinlich will sie mich dabei anschauen, doch ihr vernebelter Blick kraucht irgendwo am Boden herum.
„Der siebte Kurfürst“, wiederholt Biggi.
„Es gab acht“, brummt Schulle dazwischen.
„Der Finn weiß gar nix. Der war auf der Baumschule.“
Biggi zählt mit geschlossenen Augen auf: Den Pfalzgraf bei Rhein, den König von Böhmen, den Markgraf von Brandenburg.
„Und die drei Erzbischöfe. Aber wer ist der siebte?“
„Es waren acht“, sagt Schulle.
„Wat’n für Erzbischöfe?“
„Na, die von Köln, Mainz und Speyer.“
„Trier“, schreit Krümel und bricht dabei ein bisschen in die Blumenrabatte. „Köln, Mainz und Trier. Uuöörps.“

„DURST IST JA AUCH EIN SYNONYM FÜR LEBEN.“

In dem Moment versucht Martin aufzustehen. Auf halber Strecke erstarrt er plötzlich und wird ganz bleich.
„Oh, Mist“, sagt er.
„Wat’n los?“
„Ich glaub, ich hab eingeschissen.“
Krümel reckt triumphierend einen Arm in die Luft. „Ich sag doch, der stinkt.“
„Also wer ist nun der siebte?“
„Es waren acht“, sagt Schulle.
„Ist noch was vom Goldbrand da?“, will ich wissen.
„Wenn du noch einmal sagst, dass es acht waren, dann dreh ich durch!“, droht Biggi.
„War’n aber acht. Der König von Bayern war auch dabei.“
„Doch erst nach dem Westfälischen Frieden!“, kreischt sie und wirft einen ihrer Schuhe nach ihm.
„Finn glaubt doch eh, dass er was Besseres ist.“
„Ich heiß Clint“, sag ich.
„Echt? Das ja’n komischer Name. Boörps, huch, tschuldigung.“ Fürsorglich wischt Krümel den Kotter von meinem Schuh. „Du biss’n netter Junge. Isser nich’n netter Junge, der Finn?“
„Also ich war mir sicher, es waren acht.“
„Ey, Jost“, ruf ich. „Hock nicht immer so auf der Flasche. Andere Leute wollen auch trinken.“
Jost reicht den Fusel weiter. Biggi gibt mir einen Klaps auf den Oberschenkel. Mann, hab ich einen Durst. Wie hat Jörg Fauser gesagt? Durst ist ja auch ein Synonym für Leben.
Und der Herzog von Sachsen rotiert im Grab wie ein Grillhähnchen.

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So schön, dass man kotzen möchte

gluhweinklein

Irgendein archaisches Fest scheint demnächst wieder anzustehen. In der neuen Folge seiner misanthropischen Seifenoper geht Clint der Sache auf den Grund.

Glühwein. Ein schönes, heißes Glas Glühwein. Gerade in der kalten Jahreszeit trink ich gern mal ein SCHÖNES GLAS GLÜHWEIN. Gehört für mich einfach dazu. Wenn’s draußen kalt wird. Ich fang immer schon im September an Schokoladen-Nikoläuse zu fressen vor lauter Vorfreude. Mann, ich liebe einfach Glühwein.

Am besten schmeckt er am Alex. Da ist auch die Atmosphäre, ach, die ist einfach magisch. Also ich bin ja eher altmodisch, was Weihnachtsmärkte betrifft. Ich bin so ein Mensch, schon immer gewesen, für den gehören Maroni und gebrannte Mandeln einfach dazu. Aber am Alex, ja? Da gibt’s noch tausend andere Sachen. Emoji-Plüschkissen, zum Beispiel. So fürs Sofa. Handy-Zubehör. Geldbeutel aus Bangladesch. Und Verkäufer aus Bangladesch. Mit Nikolaus-Mützen.

„HEISSE MARONI, MINI-SEGWAYS UND EMOJI-PLÜSCHKISSEN“

Schon am Eingang zum Markt könnte ich vor Wonne kotzen. Wenn ich in die Schwärme herzensguter Schlägertypen gerate, ihre Frauchen am Arm, Visagen wie Fallbeile. Apropos, es gibt da tatsächlich ein Fallbeil. Zum Posieren für festliche Fotos. Vorm DAEMONIUM steht das. Auf einem Weihnachtsmarkt darf eine Geisterbahn schließlich nicht fehlen. Und hier gibt es zwei. Ich will jetzt nicht bieder sein. Wenn das Volk einen Prater will, soll es einen bekommen.

Weil toll ist das schon. Dass man im Crazy Game Palace gleich die Drohnen und Mini-Segways für die Bescherung gewinnen kann. Ist dir schlecht vom fettigen Langosz mit Käse und Schmand? Dann rein in die Wilde Maus. Sollen doch alle was davon haben. Die Schausteller aus Benelux beobachten das Treiben mit hasserfüllten Gesichtern. Und die Taschendiebe beklauen sich aus Langeweile schon gegenseitig.

Jauchzen möchte man da! Wenn die Karstadt-Betriebsfeier geschlossen auf die Eisbahn drängt. Rotweinmünder und einsame Hüften, die sich zum Beat von Andrea Berg um sich selbst drehen. „Was ich für dich fühle zeig ich nicht – die Gefühle haben Schweigepflicht.“ Hatten letztes Jahr nicht alle Angst, dass es auf Weihnachtsmärkten zu Terror-Anschlägen kommen könnte? Was soll die Aufregung? Hier sind doch alle schon tot.

Jetzt einen schönen Glühwein. Ist wie der Tomatensaft im Flugzeug. Normalerweise käme man niemals auf die Idee, so einen Schmu zu trinken. Aber in bestimmten Situationen ist es heilige Pflicht. Und nur sechs Euro fünfzig das Glas! Unter dem Fusel ein leichter Hauch von Verwesung. Ahhh, das schmeckt. Danach noch auf einen Absacker ins Partyhaus vom Nikolaus. Jeden Tag ab 19 Uhr Hüttenparty.

„ANGST VOR TERRORANSCHLÄGEN? HIER SIND DOCH ALLE SCHON TOT.“

Und wie beruhigend ist es zu sehen, dass die ausländischen Touristen sich hier so bereitwillig einfügen in unsere Leitkultur. Die Männer tragen würdelose Wollmützen, die Frauen Haarreifen mit Glitzergeweih. Dann stehen sie am brennenden Fass beisammen, schütten Eierpunsch in sich hinein und grölen Melodien aus einer besseren Welt.

Da krieg ich direkt weiche Knie. Integration ist doch möglich. Wenn das Hirn umnebelt ist von Adventshysterie und süßen Getränken, darf sich jeder als Teil derselben großen Familie fühlen. Auch ich will dazu gehören. Deshalb noch ein Glas Glühwein. Bis der Stirnlappen platzt. Wir sind die Krone der Schöpfung. Wir können stolz auf uns sein. Im übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.

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Die U-Bahn ist ein guter Platz zum Sterben

ubahn

Langsam steige ich die Treppe zum U-Bahnhof Birkenstraße hinab. Ich hab es nicht eilig. Der Mann, der hinter mir angerannt kommt, schon. Den Mund zu einem kreisrunden Loch verzogen, nackte PANIK in seinen Augen. Er rempelt mich an, als er an mir vorbeistürzt, nimmt die letzten vier Stufen mit einem Satz. Die Türen seiner Bahn Richtung Osloer Straße schließen sich gerade. Verbissen legt er an Tempo zu. Dann verfängt sich sein Fuß in einer der Netto-Tüten, die man ihm anvertraut hat. Mit einem famosen Hechtsprung legt er sich auf den Beton. Die Bahn fährt ungerührt los. „So ein Mist!“, brüllt er und ich verstehe seine Misere: Er muss nun ganze DREI Minuten auf den nächsten Zug warten.

Ein paar Leute finden sich ein, helfen ihm auf die Beine. Sammeln die Eisteeflaschen und Dosensuppen ein, die noch immer kreuz und quer auf dem Bahnsteig liegen.
„Ist alles gut?“, fragt eine besorgte Frau. Sie sieht sogar gut aus.
„Jaja, mir ist nix passiert.“
Jetzt darf er sich sogar tapfer fühlen. Eigentlich müsste die Frau ihm den Rücken zukehren. Sie müsste verärgert sein, dass er dem Kosmos eine weitere Facette des Unvermögens hinzugefügt hat. Aber nein. Wenn es um ihr heiliges Menschenrecht geht, sich dämlich anzustellen, halten sie alle zusammen.

Und es ist ja auch faszinierend. Ich fühle mich zwar irgendwie niederträchtig. Wie ein Gaffer bei einem Autounfall. Aber ich kann einfach nicht weg schauen. Schon fährt die nächste Bahn ein. Kurz bevor sie hält, werden alle ganz hektisch. Die Leute bleiben nie stehen, wo sie sind. Immer müssen sie ein paar Schritte mit dem Zug mitgehen. Dann bilden sie dichte Trauben vor den Türen und weichen nur widerwillig vor den Aussteigenden zurück. Jede Sekunde ihres Lebens ein Kampf.

„ES SCHEINT EINE URANGST DER MENSCHEN ZU SEIN, DEN AUSSTIEG AN EINEM BAHNHOF ZU VERPASSEN.“

Ich mag die Züge nicht, durch die man komplett durch gehen kann. Denn irgendein Spinner fühlt sich jedes Mal aufgefordert, genau das zu tun. Wo will er hin? Und warum ist es so wichtig, dass er sich noch durch das kleinste Nadelöhr schieben muss? Vorbei an jungen Eltern, die es trotz der allgemeinen Rücksichtslosigkeit geschafft haben, ihren Kinderwagen mit ins Abteil zu quetschen, und nun versuchen ihr schreiendes Kind zu beruhigen. Auch sie müssen zurück weichen, wenn der Spinner seines Weges kommt. Womöglich verdreht er sogar die Augen wegen des Lärms. Dabei kann ich das Kind verstehen: Auch ich möchte schreien. Laut und anhaltend.

Vor jedem Halt drängelt das Volk zu den Türen. Zankt sich um die pole-position am Öffner. Es scheint eine Urangst der Menschen zu sein, den Ausstieg an einem Bahnhof zu verpassen.
„Steigen Sie nächste aus?“, fragen sie leicht hysterisch alle Umstehenden. Das bringen sie sogar vor der Endstation fertig. Wenn ich ihnen so zuschaue, spüre ich in meinem Mund sofort das angenehme Prickeln entstehender Herpesbläschen.

Inmitten eines Pulks verängstigter Leiber werde ich Osloer Straße nach draußen geschwemmt. Ich trete erstmal beiseite. Raus aus der Schusslinie. Schaue mit wachsendem Staunen der Herde zu, wie sie sich auf Rolltreppen rempelt. Sehe ein paar Verzweifelte im Fahrstuhl versauern, weil immer NOCH jemand kommt, bevor die Türen sich schließen können.

Als ich kurz darauf im 150er Bus sitze, atme ich erstmal durch. Allerdings währt die Pause nicht lange. Ein Großmütterchen steigt beim nächsten Halt ein. Der Fahrer wartet geduldig, dass sie auf einen der zahlreichen Sitzplätze sinkt. Doch diesen Moment zögert sie so lange wie möglich hinaus. Als er schließlich doch anfährt, wirbelt sie bedrohlich mit ihrem Hackenporsche durch den Gang. Angebotene Hilfe lehnt sie brüsk ab.

Verdammt, möchte ich rufen, jetzt hast du zwei Weltkriege und den Untergang eines KAISERREICHS überlebt. Kannst du nicht noch ein paar Stunden durchhalten? Der ganze Bus atmet erleichtert auf, als sie sich endlich auf eines der Polster bettet. Doch Schreck! Kurz darauf wackelt sie wieder zum Ausgang, um dort auf ihre Haltestelle zu warten. Bei einem unfreundlichen Rucken des Busses dotzt sie mit ihrer Stirnplatte an die Tür und lässt ein kummervolles Wimmern vernehmen. Auf dem Glas bleibt ein mahnender Fleck zurück.

Ich bin jetzt seit gerade mal zwölf Minuten unterwegs. Doch die Zeit hat gereicht, um alle Kreise der Hölle zu sehen. Warum kann ich nicht einfach zuhause bleiben? Der Mensch ist wirklich ein komisches Tier.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erschien als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV