In nomine Patris et filii et spiritus pipapo

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Ist gut zwanzig Jahre her, dass ich zum letzten Mal in der Kirche war. Mir hat die Hostie so gut geschmeckt, dass ich dafür sogar den Schmu ertragen habe, der da vorher verzapft wird. Irgendwann hab ich allerdings festgestellt, dass man diese Oblaten auch im Supermarkt kaufen kann.
Weiß auch nicht, woher heute die fixe Idee kommt, die mich in den Gottesdienst treibt. Als ob man Sonntag früh nichts besseres zu tun hätte – gegen den Kater antrinken, zum Beispiel. Ich will jetzt auch nicht über die Pfaffen lästern. Das wäre ja, als ob man einen Fisch in der Tonne abschießt. Keine Ahnung. Ist vielleicht einfach mal wieder an der Zeit.

Selbstverständlich kommt für diesen köstlichen Ulk nur eine katholische Kirche in Frage. Ich will mich nicht gegen meinen Herrgott versündigen. Waren es nicht die Protestanten, die den kleinen Jesus ermordet haben? Muss das bei Gelegenheit nochmal nachlesen. Auf jeden Fall kriegt man von ihren Kirchen Augenkrebs. Viele werfen ja der DDR vor, sie hätte mit ihrer Architektur den guten Geschmack vergewaltigt. Ich dagegen glaube, dass es die Evangelen waren, die als Erste die Attribute „zweckmäßig“ und „beleidigend“ verwechselt haben.

„Waren es nicht die Protestanten, die den kleinen Jesus ermordet haben?“

Ist schon ein ungewohntes Gefühl, die Kirchenglocken nicht als Hintergrundrauschen wahrzunehmen, als austauschbare Atmo wie das Vogelgezwitscher oder das Grölen besoffener Hertha-Fans. Nein, heute rufen die Glocken mich zur heiligen Eucharistie. Weihwasser, bekreuzigen, reingehen, hinknien, nochmal bekreuzigen. Gut, dass gerade jemand vor mir gekommen ist, dem ich das alles nachmachen kann.

Ich setze mich auf eine der hinteren Bänke und lausche der Einlassmusik. Kyrie Eleison. Der Priester und seine Messdiener chillen vorn am Altar, während ein Gemeindemitglied ans Rednerpult tritt. Er beginnt seinen Vortrag: „Lesung aus dem Buch Genesis. Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes…“ Und ich denke, echt jetzt? Buch Genesis? Geht’s noch naheliegender? Werde aber entschädigt, als er schließt mit: „Wort des lebendigen Gottes.“ Genau, denk ich: WORD!

Als nächstes ein Lied: „Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen.“ Dann wieder ein Text, der mir meine Sündhaftigkeit vor Augen führt, und wie sehr ich auf die Gnade des Herrn angewiesen bin. Ich versuche ja sogar zuzuhören. Diesen Tiraden, die vielfach vom Hall gebrochen auf meine stinkende Seele einprasseln. Aber irgendwie ist das alles so öde und unendlich weit vom Leben entfernt, dass mein Hirn zu Asche zerfällt.

Endlich stimmt auch mal der Pfarrer eine Litanei an und mir wird klar, wo all die Poetry Slamer ihren unnatürlichen Singsang geklaut haben. Dann wieder aufstehen, hinknien, hinsetzen, Kreuz schlagen, singen. Irgendwann gibt es die Hostie, aber nur die Streber gehen nach vorn, um sie in Empfang zu nehmen. Ich und die anderen krassen Typen aus den hinteren Sitzreihen bleiben, wo wir sind.

„Endlich stimmt auch mal der Pfarrer eine Litanei an und mir wird klar, wo all die Poetry Slamer ihren unnatürlichen Singsang geklaut haben.“

Das war ganz nett. Aber nicht toll. Für meine Kirchensteuer hätte ich was Fetzigeres erwartet. Andererseits krieg ich für die GEZ-Gebühren auch nur belanglosen Bullshit zu schlucken. Und in der Moschee neulich war es auch ziemlich langweilig. Also drück ich nochmal ein Auge zu. Wenigstens darf ich mich nach diesem Vormittag wie ein rechtschaffener Bürger fühlen.

Als ich zurück in die Kneipe komme, steht sogar noch mein angefangenes Bier da.
„Ey, wo warst’n du?“, rufen die Verdammten am Tresen.
„In der Kirche natürlich!“, donnere ich.
„Wir dachten, du hast’n Polnischen gemacht“, sagt jemand mit schlechtem Gewissen.
Ich ordere eine Runde Goldbrand für alle. Doch im Stillen denk ich, Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. WORD des lebendigen Gottes.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

Ahh, Berlinale, Berlinale, Lilien auf dem Mond

berlinale.jpgDie Gefahren, die unsere Seele bedrohen,
liegen ausgebreitet vor uns wie die Lichter einer sehr großen Stadt.
Sie begegnen uns bei Tag,
sie begegnen uns bei Nacht, bei der Arbeit, im Schlaf,
in der Liebe. Es sind ihrer
unendlich viele,
und wenn sie nicht von außen kommen, dann kommen sie
aus uns selbst.

Und die Welt
ist voll von denen, die im Kampf unterlagen,
voll von denen, die den Kampf
niemals fochten.
Seelenlose Puppen ohne Glanz in den Augen,
ohne Stimme, ohne Hoffnung, ohne Gesang.
Sie verstopfen die Straßen, verstopfen die Welt,
verstopfen unsere Köpfe.
Sie sind viele und sie sind
stark, deshalb lasst euch gesagt sein,
Brüder und Schwestern:
Ihr kämpft auf verlorenem Posten.

Sie bedrohen unsere Seele, wenn wir einkaufen gehen. Wenn sie sich zu
Menschenschlangen formieren
und reden und schubsen und vor Regalen und Preisschildern stehen,
mit offenen Mündern und
Stirnfalten, die nicht
vom Denken kommen.
Sie saugen
uns das Mark aus den Knochen, wenn sie sagen: „Lächle doch mal!“, oder
wenn sie auf der Autobahn stupid die Überholspur blockieren,
mit einhundertzwanzig, obwohl die rechte Spur frei ist und
dann Unfälle bauen und
Staus produzieren
von Flensburg bis an die Riviera.

Und sie fressen unsere Seele,
wenn sie in uns etwas Besseres sehen, als uns selbst. Ein Modell,
das sie aus ihren Schulbüchern kennen.
Psychiater, Sozialarbeiter,
hilflose Geister mit Helfersyndrom.
Sie können uns nicht
leiten, sie können uns nicht führen ins Licht, denn
sie sitzen selbst im
finstersten Schatten.
Traut ihnen nicht, traut niemandem,
der euch Rat geben will. Der
Faktor Mensch bringt alles zum
Scheitern.

Ihr habt keine Chance, sie
werden euch kriegen,
auf die ein oder andere Weise. Und
seid ehrlich: Ihr wusstet
schon immer,
dass euer Hadern nichts weiter als Spiel ist. Auch ihr
werdet bald die Straßen
verstopfen, trüben Blicks,
ohne Erinnerung an das Lachen, das euch einst lenkte.
Gebt auf
und erspart euch die Schmerzen.
Oder:

Macht weiter. Verachtet
die Logik. Verachtet die Regeln des Kampfes.
Lasst sie viele sein.
Lasst sie stärker sein.
Lasst sie Recht haben.
Lasst sie gewinnen.
Doch gebt ihnen nichts.
Gebt ihnen nichts.
Bleibt Idioten. Bleibt Abschaum. Bleibt unbelehrbares Pack.

Dann treffen wir uns, mit einem
klein bisschen Glück,
eines Tages,
auf der richtigen
Seite.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

Dem Deutschen Volke

reichstagMein Freund Tibur ist in Berlin. Er kommt aus dem Dorf, was mehrere Risiken birgt: Erstens ist er ebenso trinkfest wie trinkfreudig. Und zweitens kann es immer passieren, dass er irgendwelchen Touri-Kram machen will. Wegen ihm bin ich schon mit dem 100er Bus gefahren, war bei Curry 36 und im Simon-Dach-Kiez. Die Würde des Menschen ist unantastbar? Nicht, wenn Tibur am Start ist.

„Ey, Clint, was machen wir heute?“, weckt er mich Sonntag früh. Bis vor drei Stunden waren wir noch in der Kneipe. Ein wahrhaft fickriger Mensch.
„Ich könnte noch’n paar Stunden Schlaf vertragen“, sag ich.
„Ach, was! Wie kann man denn schlafen, wenn man in so einer Weltstadt lebt?“
„Zehn Bier und zehn Schnaps, dann geht es ganz gut. Und wir hatten das Doppelte.“
„Ich will in den Reichstag“, sagt er.
„Was zur Hölle ist dein Problem?“
„Wieso? Darf man sich nicht für Politik interessieren?“
„Doch, natürlich. Man kann sich auf für Bukkake-Pornos interessieren. Aber sowas behält man doch besser für sich.“
„Sei nicht so spießig.“

„Meine Leber platzt vor Stolz.“

Um elf stehen wir vor dem Container an der Scheidemannstraße. Gegen Tiburs Enthusiasmus hätte selbst der Mongolensturm keine Chance gehabt. Er hat es sogar geschafft, in der kurzen Zeit einen Besuchstermin klarzumachen. Verzweifelt beobachte ich die italienischen Reisegruppen, die sich einem inneren Zwang folgend an der Schlange vorbei drängeln. Durch den Kater fühlt sich mein Magen inkontinent an.
„Lass uns wenigsten irgendwo ein Konterbier trinken“, flehe ich.
„Bist du denn gar nicht aufgeregt?“
„Doch, doch. Bringen wir’s hinter uns.“
„In diesem Gebäude wurde die Demokratie erfunden!“
„Meine Leber platzt vor Stolz.“

Nachdem wir durch die Sicherheitsschleuse ins sterile Foyer vorgelassen wurden, wird mir eines schmerzlich bewusst: Alle anderen Besucher wirken wie aus dem Ei gepellt. Kein Fussel am Mantel, polierte Schuhe, saubere Hosen. Ich dagegen bin über den Platz der Republik gekommen, den Regen und Menschenmassen in ein schlammiges Woodstock verwandelt haben. Außer Tibur und mir nehmen vier Japaner und eine Schulklasse aus dem Sauerland an der Führung teil. Und alle starren die Dreckspuren an, die ich auf dem Teppich des Reichstags hinterlasse.

Im ersten Stock müssen wir wieder warten. Die Schüler setzen sich im Schneidersitz auf den Boden und werden von der Empfangsdame aufgefordert, das bleiben zu lassen.
„Wahnsinn“, haucht Tibur und glotzt in den Plenarsaal. „Sonst seh ich das immer im Fernsehen. Und jetzt sind wir tatsächlich hier.“
„Warum flüsterst du so?“, poltere ich. „Wir sind hier doch nicht in der Kirche.“
Wieder setzen sich drei Teenager hin und werden sofort wieder aufgescheucht. Die Empfangsfrau ist selbst gerade mal zwanzig und damit nur drei Jahre älter als die Schüler. Es gibt schon beschissene Jobs.

„Ein Mann muss Prioritäten setzen.“

Auf der Besuchertribüne riecht es nach Klostein. Der Redner stellt andauernd Fragen und zwinkert dabei schelmisch in die Runde.
„Um wählen zu dürfen, muss man achtzehn Jahre alt sein“, sagt er. „Aber weiß hier jemand, wie alt man sein muss, um zum Bundeskanzler gewählt zu werden?“
„Auch achtzehn!“, ruft Tibur und kriegt dafür prompt ein Fleißbienchen. Das halt ich nicht aus. Ich gehe auf die Toilette und mache, was man eben so macht, wenn man verkatert ist. Einmal hab ich im Flugzeug gekotzt, als es gerade den Himalaja überflog. Bundestag ist aber auch ziemlich mondän.

„Kommst du mit auf die Kuppel“, ruft Tibur, als er mich ausfindig gemacht hat.
„Nö“, sag ich. „Hier ist es viel gemütlicher.“
„Aber von da oben kann man die ganze Stadt sehen!“
„Mir ist schlecht. Und die Japaner machen mir Angst.“
Natürlich geh ich dann doch mit. Während wir die Spirale zum Zenit hinaufwandern, quiekt Tibur vor Vergnügen. Dabei sieht man im dichten Nebel gerade noch Tiergarten und Kanzleramt.
„Das ist der beste Tag meines Lebens!“, ruft er.
„Hast du das gestern nicht auch schon gesagt?“
„Du lässt dich für gar nichts begeistern.“
Da hat er recht. Ich hab mal vier Monate in Jerusalem gelebt und mir in der Zeit weder Klagemauer, noch Felsendom, noch Grabeskirche angeschaut. Dafür war das Bier gar nicht schlecht. Ein Mann muss Prioritäten setzen.
„Können wir jetzt endlich ins Wirtshaus gehen?“, frag ich.
„Na, gut. Aber morgen will ich zu Madame Tussaud’s.“
Alles klar. Einfach nicht drüber nachdenken. Vielleicht hab ich Glück und es bricht vorher ein kleiner Weltkrieg aus. Manchmal geschehen angeblich noch Zeichen und Wunder.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

I love Kotti

kottMit einem Fehler fing es an. Ich hab mich dazu gesetzt. Jetzt darf ich zwar immer einen Schluck Goldbrand nehmen, wenn die Flasche bei mir vorbei kommt, aber ich muss auch der Konversation zuhören.
„Und ich dachte, der stinkt.“
„Nee, der stinkt nich.“
„Ich war mir sicher, der stinkt. Der sieht so aus, als wenn er stinkt.“
„Der stinkt aber nich!“
Biggi und Krümel heißen die beiden. Sind wahrscheinlich noch nicht mal vierzig. Es ist ihr Permanent-MakeUp aus Augenringen und geplatzten Äderchen, das sie älter aussehen lässt. Ich weiß immer noch nicht, ob sie von einem Mann oder einem Hund sprechen.
„Clint!“, fährt Biggi mich an. „Du heißt doch Clint, oder? Wieso heißt’n du Clint?“
Ich kann nicht gleich antworten, weil ich ein Bier am Hals habe. Krümel kommt mir zu Hilfe.
„Mein Ex hatte auch so’n komischen Namen“, sagt sie. „Olaf hieß der.“
„Seit wann is’n Olaf n’komischer Name?“
„Also ich find ihn komisch. Was sagst’n du dazu, Finn?“
„Wer is’n Finn?“, frag ich.
„Na, du heißt doch Finn, oder?“
„Ach so. Also ich find Olaf nicht komisch. Gib mal die Flasche.“

„BIER, WEIN UND GOLDBRAND – DAS TRIPTYCHON DER GLÜCKSELIGKEIT“

Wir haben es uns vor dem Kaisers gemütlich gemacht. Außer mir und den Ladies sind mit dabei: Schulle, Martin und Jost. Aber die reden nicht viel. Nur wenn einer der Junkies vom U-Bahn-Eingang Ecke Reichenberger rüber kommt und uns anschnorren will, fangen sie an zu schimpfen. Auch hier gibt’s eine klare Hackordnung.

„Clint, du hast doch bestimmt Abitur“, fragt Biggi.
„Heißt der nich Finn?“
Ich gebe zu, dass ich tatsächlich mal in der Schule war.
„Dann kannst du mir doch bestimmt sagen“, fährt Biggi fort, „wer der siebte Kurfürst war?“
„Wie bitte?“
„Mann, hörst du schlecht“, plärrt Krümel. Wahrscheinlich will sie mich dabei anschauen, doch ihr vernebelter Blick kraucht irgendwo am Boden herum.
„Der siebte Kurfürst“, wiederholt Biggi.
„Es gab acht“, brummt Schulle dazwischen.
„Der Finn weiß gar nix. Der war auf der Baumschule.“
Biggi zählt mit geschlossenen Augen auf: Den Pfalzgraf bei Rhein, den König von Böhmen, den Markgraf von Brandenburg.
„Und die drei Erzbischöfe. Aber wer ist der siebte?“
„Es waren acht“, sagt Schulle.
„Wat’n für Erzbischöfe?“
„Na, die von Köln, Mainz und Speyer.“
„Trier“, schreit Krümel und bricht dabei ein bisschen in die Blumenrabatte. „Köln, Mainz und Trier. Uuöörps.“

„DURST IST JA AUCH EIN SYNONYM FÜR LEBEN.“

In dem Moment versucht Martin aufzustehen. Auf halber Strecke erstarrt er plötzlich und wird ganz bleich.
„Oh, Mist“, sagt er.
„Wat’n los?“
„Ich glaub, ich hab eingeschissen.“
Krümel reckt triumphierend einen Arm in die Luft. „Ich sag doch, der stinkt.“
„Also wer ist nun der siebte?“
„Es waren acht“, sagt Schulle.
„Ist noch was vom Goldbrand da?“, will ich wissen.
„Wenn du noch einmal sagst, dass es acht waren, dann dreh ich durch!“, droht Biggi.
„War’n aber acht. Der König von Bayern war auch dabei.“
„Doch erst nach dem Westfälischen Frieden!“, kreischt sie und wirft einen ihrer Schuhe nach ihm.
„Finn glaubt doch eh, dass er was Besseres ist.“
„Ich heiß Clint“, sag ich.
„Echt? Das ja’n komischer Name. Boörps, huch, tschuldigung.“ Fürsorglich wischt Krümel den Kotter von meinem Schuh. „Du biss’n netter Junge. Isser nich’n netter Junge, der Finn?“
„Also ich war mir sicher, es waren acht.“
„Ey, Jost“, ruf ich. „Hock nicht immer so auf der Flasche. Andere Leute wollen auch trinken.“
Jost reicht den Fusel weiter. Biggi gibt mir einen Klaps auf den Oberschenkel. Mann, hab ich einen Durst. Wie hat Jörg Fauser gesagt? Durst ist ja auch ein Synonym für Leben.
Und der Herzog von Sachsen rotiert im Grab wie ein Grillhähnchen.

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KaDeWe – Eat the Rich, Ban the Poor

kadeweVorbei am Kerzenmeer auf dem Breitscheidplatz, Ampel anhalten, Bogen um den übellaunigen Rohling, der mir einen Restaurant-Flyer andrehen will. Zum Schluss noch das ein oder andere Großmütterchen beiseite geschubst, dann bin ich endlich zuhause: Im Tempel der Freiheit, dem Allerheiligsten des Geschmacks: KaDeWe. Genauso bescheuert wie Dubai, aber wenigstens mit einer Geschichte.

Mit großen Schritten durchmesse ich das Erdgeschoss. An den Parfumständen lassen sich reiche Witwen die Handgelenke benetzen, plaudern dabei vertraulich mit den Verkäuferinnen – mehr soziale Kontakte haben sie vermutlich nicht mehr. Zugereiste aus Teltow Fläming beobachten das makabere Schauspiel und versuchen im Anschluss den Ennui der Großbürgerinnen zu kopieren. Die Mutigsten berühren im Überschwang sogar eine Schweinsledertasche von Louis Vuitton. Kichern, Selfie, dann schnell zurück in den dunklen Winkel der Evolution, in dem sie sich heimisch fühlen.

„KADEWE: GENAUSO BESCHEUERT WIE DUBAI, ABER WENIGSTENS MIT EINER GESCHICHTE.“

Auf dem Weg in den sechsten Stock bleibe ich vor einem großen Schild stehen: SALE 50%. In meiner Nähe zischelt ein behandschuhter Verkäufer mit seinem Kollegen:
„Ich hab sie satt, diese Kretins aus Russland. Was glauben die eigentlich?“
„Nicht so laut, Henning.“
„Steht auf meiner Stirn DEPP VOM DIENST?“
Ein anderer Lakai taucht neben mir auf, mustert meinen abgerissenen Aufzug.
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, fragt er.
„Diese SALE-Schilder“, sag ich und warte, bis er mit seinem Ohr näher kommt. „Die wirken doch ziemlich billig.“
Der Lakai richtet sich wieder auf, seufzt dann: „Wem sagen Sie das…“ Mit einem einvernehmlichen „Noblesse oblige“ gehen wir auseinander.

Kurz darauf sitz ich beim Bier am berühmten Bogenfenster, blicke auf die hart arbeitenden Angestellten der Global Gold AG auf der anderen Seite des Kudamms. An der Bar schwadronieren vier Mittsechziger im Jargon alter Verbindungsbrüder. Jeder soll mitkriegen, dass sie Stammgäste sind.
„Lass nochma die Luft raus, Hotte!“, brüllen sie den Barkeeper an. Als in der Nähe ein Kind zu plärren beginnt, aufgeschreckt durch den Lärm, tun sie brüskiert: Nicht mal hier hat man seine Ruhe vor den Lebenden.

Ich ziehe weiter, zwänge mich auf einen freien Hocker an der Moët-Bar. Links von mir drei Zahnarzt-Gattinnen vor dem Shopping-Kollaps. Rechts ein Sugar-Daddy (lachsfarbener Pulli mit hellblauem Kragen, Brille getönt, glänzende Stirn bis zur Mitte des Schädels) mit seiner Mätresse (weißer Lippenstift auf sehr schmalen Lippen, wenig Kleidung, viele Tattoos).
„Ne Portion Fritten und’n Krautsalat“, ruf ich beschwingt.
Die Barfrau schenkt mir ein Glas Rosé ein.
„…da sind dann für’n paar Tage alle Stinkefinger oben bei mir…“, wehen Gesprächsfetzen an mein Ohr. „…und da hamwa dann n’bisschen Quatschi-Quatschi gemacht. Ich meine, so einen Typ Mitarbeiter sollte er auch beherrschen KÖNNEN.“

„ZWISCHEN ZAHNARZT-GATTINNEN, SUGAR-DADDIES UND IHREN MÄTRESSEN“

Ich leere mein Glas, winke nach einem Refill. Auch hier müssen viele zeigen, wie regelmäßig sie herkommen. Das Händeschütteln mit der Bedienung wird stets mit beiden Händen ausgeführt: Ausdruck tiefster Verbundenheit. Ich beginne damit, jeden Blick missbilligend zu erwidern. Das zeigt erstaunliche Wirkung. Sofort fühlen die Emporkömmlinge sich vom Undercover-Aristokraten deklassiert. Zurecht, möchte ich meinen.

Langsam erhebe ich mich, lasse ein halbvolles Glas und übertrieben viel Trinkgeld zurück. Dann gehe ich in die Lebensmittel-Abteilung und kaufe ein: Drei Tüten Maggi Fix für Chili con Carne.

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Hunde, wollt ihr ewig leben?

 

silvesterDas Jahr geht zu Ende. Ich sitze im Sessel und versuche zu meiner Beruhigung Primzahlenreihen zu bilden: 1914, 1933, 1939, 2016. Auch nicht gerade erheiternd. Mein mathematisches Talent lässt zu wünschen übrig. Aber irgendwie muss man sich ablenken. Da! Schon wieder ein Knall, der die Fensterscheiben erzittern lässt. Seit gestern verkaufen die Spätis Feuerwerkskörper. Und die Kinder aus der Nachbarschaft sind redlich bemüht, eine Atmosphäre wie im Osten Aleppos zu schaffen.

Gab es neulich nicht wieder einen größeren Unfall auf einem Feuerwerksmarkt bei Mexiko-Stadt? Ich will jetzt nicht die Phrase vom „sinnlosen Tod“ aus dem Hut zaubern. Aber es gibt schon extrem bescheuerte Arten zu sterben. Wer will zum Beispiel von einem Smart überfahren werden? Das ist doch würdelos. Genauso wie in einer Achterbahn draufzugehen. Wenn der TÜV Murks gemacht hat und die Gondel sich in einer Kurve aus der Verankerung löst. Da denkt man doch, während man auf den Betonboden zusegelt: „Scheiße. Ich hätt’s eigentlich wissen müssen.“ Epic Fail.

„ICH BILDE ERBAULICHE PRIMZAHLENREIHEN: 1914, 1933, 1939, 2016“

Ein sinnloser Tod. Kennt man ja aus dem Krieg. Verdun. Dardanellen. Ardennen. Was man außerdem aus dem Krieg kennt, ist Lärm. Als die Welle einmal nach Stalingrad und zurück geschwappt ist, wurde deshalb eher wenig ziviles Feuerwerk abgebrannt. Auch nach ’45 hat sich das in Europa erstmal nicht geändert. Wahrscheinlich weil die Produktion von Flaschenraketen nur schleppend anlief. Vielleicht aber auch, weil die Leute einfach gemerkt haben, wie uncool Krieg ist. Genauso wie alles, was an ihn erinnert.

Aber im Moment wähnt der Ottonormaldepp den Krieg weit entfernt und deckt sich deshalb hysterisch mit Böllern ein. Und wie immer, wenn entfesselte Menschenmassen die Straßen beherrschen, sehe ich nur einen Ausweg: Flucht aus Berlin. Untertauchen im Umland. Vor der guten Laune euphorisierter Kretins kann man nur in Deckung gehen. Und dabei hoffen, dass die eigene Wohnung nicht von einem Querschläger in Brand gesteckt wird.

Kennt jemand den Film „The Purge“? Eine dystopische Gesellschaft schafft sich einen Feiertag, an dem das Morden erlaubt ist. Damit sich die Bevölkerung mal so richtig austoben kann und den Rest des Jahres nicht rumnervt. Wenn ich am 29. Dezember durch den Wedding schlendere, muss ich immer daran denken. Noch zwei, drei Jahre, dann läuft das hier auch so. Zehnjährige Gören lungern vor Hauseingängen herum und werfen Kanonenschläge nach allem, was sich bewegt. Radfahrer werden mit Raketen vom Sattel geblasen. Familienväter stehen auf ihren Balkons und ballern ein Magazin nach dem anderen leer. Hülsen und verbranntes Schwarzpulver auf dem Asphalt. In der Luft das freudlose Lachen der Verdammten.

„IHR, DIE IHR HIER EINTRETET, LASST ALLE HOFFNUNG FAHREN.“

Dabei haben sie noch nicht mal angefangen zu saufen. Erst an Silvester beginnt das große Gelage. Wenn die Amateurtrinker ihre ulkigen Brühen verteilen. Sekt, Sangria und Bowle. Überzuckert und aufgeschwemmt von der Adventszeit, kann man zum Schluss nochmal richtig ins Klo greifen. Damit das alte Jahr kotzend endet. Und das neue kotzend beginnt.

Gut, dass ich dann nicht da bin. Ich komme erst zurück nach Berlin, wenn Asche und Rauch sich gelegt haben. Bis dahin entzünde ich eine Wunderkerze. Für die Zukunft unserer glorreichen Spezies. Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren. HAPPY 2017.

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So schön, dass man kotzen möchte

gluhweinklein

Irgendein archaisches Fest scheint demnächst wieder anzustehen. In der neuen Folge seiner misanthropischen Seifenoper geht Clint der Sache auf den Grund.

Glühwein. Ein schönes, heißes Glas Glühwein. Gerade in der kalten Jahreszeit trink ich gern mal ein SCHÖNES GLAS GLÜHWEIN. Gehört für mich einfach dazu. Wenn’s draußen kalt wird. Ich fang immer schon im September an Schokoladen-Nikoläuse zu fressen vor lauter Vorfreude. Mann, ich liebe einfach Glühwein.

Am besten schmeckt er am Alex. Da ist auch die Atmosphäre, ach, die ist einfach magisch. Also ich bin ja eher altmodisch, was Weihnachtsmärkte betrifft. Ich bin so ein Mensch, schon immer gewesen, für den gehören Maroni und gebrannte Mandeln einfach dazu. Aber am Alex, ja? Da gibt’s noch tausend andere Sachen. Emoji-Plüschkissen, zum Beispiel. So fürs Sofa. Handy-Zubehör. Geldbeutel aus Bangladesch. Und Verkäufer aus Bangladesch. Mit Nikolaus-Mützen.

„HEISSE MARONI, MINI-SEGWAYS UND EMOJI-PLÜSCHKISSEN“

Schon am Eingang zum Markt könnte ich vor Wonne kotzen. Wenn ich in die Schwärme herzensguter Schlägertypen gerate, ihre Frauchen am Arm, Visagen wie Fallbeile. Apropos, es gibt da tatsächlich ein Fallbeil. Zum Posieren für festliche Fotos. Vorm DAEMONIUM steht das. Auf einem Weihnachtsmarkt darf eine Geisterbahn schließlich nicht fehlen. Und hier gibt es zwei. Ich will jetzt nicht bieder sein. Wenn das Volk einen Prater will, soll es einen bekommen.

Weil toll ist das schon. Dass man im Crazy Game Palace gleich die Drohnen und Mini-Segways für die Bescherung gewinnen kann. Ist dir schlecht vom fettigen Langosz mit Käse und Schmand? Dann rein in die Wilde Maus. Sollen doch alle was davon haben. Die Schausteller aus Benelux beobachten das Treiben mit hasserfüllten Gesichtern. Und die Taschendiebe beklauen sich aus Langeweile schon gegenseitig.

Jauchzen möchte man da! Wenn die Karstadt-Betriebsfeier geschlossen auf die Eisbahn drängt. Rotweinmünder und einsame Hüften, die sich zum Beat von Andrea Berg um sich selbst drehen. „Was ich für dich fühle zeig ich nicht – die Gefühle haben Schweigepflicht.“ Hatten letztes Jahr nicht alle Angst, dass es auf Weihnachtsmärkten zu Terror-Anschlägen kommen könnte? Was soll die Aufregung? Hier sind doch alle schon tot.

Jetzt einen schönen Glühwein. Ist wie der Tomatensaft im Flugzeug. Normalerweise käme man niemals auf die Idee, so einen Schmu zu trinken. Aber in bestimmten Situationen ist es heilige Pflicht. Und nur sechs Euro fünfzig das Glas! Unter dem Fusel ein leichter Hauch von Verwesung. Ahhh, das schmeckt. Danach noch auf einen Absacker ins Partyhaus vom Nikolaus. Jeden Tag ab 19 Uhr Hüttenparty.

„ANGST VOR TERRORANSCHLÄGEN? HIER SIND DOCH ALLE SCHON TOT.“

Und wie beruhigend ist es zu sehen, dass die ausländischen Touristen sich hier so bereitwillig einfügen in unsere Leitkultur. Die Männer tragen würdelose Wollmützen, die Frauen Haarreifen mit Glitzergeweih. Dann stehen sie am brennenden Fass beisammen, schütten Eierpunsch in sich hinein und grölen Melodien aus einer besseren Welt.

Da krieg ich direkt weiche Knie. Integration ist doch möglich. Wenn das Hirn umnebelt ist von Adventshysterie und süßen Getränken, darf sich jeder als Teil derselben großen Familie fühlen. Auch ich will dazu gehören. Deshalb noch ein Glas Glühwein. Bis der Stirnlappen platzt. Wir sind die Krone der Schöpfung. Wir können stolz auf uns sein. Im übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.

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Die letzte Bastion der bärtigen Bubis

berhainkleinIch war seit drei Jahren nicht mehr im Berghain. Damals wäre ich nie auf die Idee gekommen, nüchtern hier aufzutauchen. Ich meine, es ist überhaupt Wahnsinn, das Haus zu verlassen, ohne sich mit ein paar Gläsern Wein die Nerven zu polstern. Aber in diesem Zusammenhang sprech ich natürlich nicht von Alkohol. Druff, druff, druff waren wir stets. Und das hat auch immer geholfen. Trotzdem bin ich vollkommen nüchtern, als ich mich Sonntag morgen in die Schlange einreihe.

Das Merkwürdige dabei ist: Ich hab das Gefühl, ich bin nicht der einzige. Natürlich sehe ich die ein oder andere Feiermaus. Typen mit aschfahler Haut, die offensichtlich seit Donnerstag unterwegs sind. Brüder im Geiste. Doch die meisten wirken ekelhaft frisch und pragmatisch. Sie bewegen sich in den empfohlenen Dreiergruppen Richtung Türsteher, versuchen dabei so auszusehen, als wäre ihnen alles egal.

DIE MEISTEN WIRKEN EKELHAFT FRISCH UND PRAGMATISCH.“

Sind das die, deren Social-Media-Blase gerade geplatzt ist? Die BEEN THERE, DONE THAT – Generation? Die von Brexit und Trump angepisst sind, weil damit eine ekelhaft aufdringliche Realität Gestalt angenommen hat? Eine Realität, die ihre unberührbare Hipster-Wäsche zu zerknittern droht? Egal, wie abgeklärt sie sich geben, eines ist ihnen mit Sicherheit nicht egal: Sie wollen UNBEDINGT in diesen Club. Alles hängt für sie davon ab. Ihre street cred, ihr Selbstbild, ihr Leben.

Als ich drin bin, am Tresen lehne, ein Frühstücksbier trinke und sie weiter beobachte, wird mir klar, dass sie deshalb auch so beschissen humorlos sind, wenn es ums Berghain geht. Religion ist out, Idealismus ist out, die Kunst hat nichts mehr zu bieten. Aber hier steht noch ein Heiligtum, das jeden adelt, der es in seine Hallen schafft. Als Gegenleistung tun die Gesegneten dann, als gelte es diese Aura zu wahren. Gegen den Ansturm der schnöden Massen. Dabei ist das Berghain inzwischen eine Kulturstätte mit Steuervergünstigungen.   Mehr Mainstream geht wohl nicht.

Wenn sie den Segen wenigstens nutzen würden, um ausgelassen zu feiern. Zu ficken und sich mit Gift vollzupumpen. Aber ich seh sie nur dämlich am Rand stehen. Junge, zu dünne Dinger, peinlich darauf bedacht, cool und lässig zu wirken. Selbst wenn sie tanzen, selbst wenn die Jalousien in der Panne-Bar aufgehen und ein scheinbar spontaner Jubel losbricht, selbst dann achten sie auf jede ihrer Bewegungen. Bloß niemals aus der Rolle fallen. Sowas Pedantisches. Die verbringen ihr ganzes Leben in einer inneren Berghain-Schlange.

„DIE VERBRINGEN IHR GANZES LEBEN IN EINER INNEREN BERGHAIN-SCHLANGE.“

Nach einigen Bieren komme ich mit der Barkeeperin ins Gespräch. Sie ist freundlich und doch reserviert. Wahrscheinlich hat sie Angst, dass ich ihre Bekanntschaft ausnutzen will, um in Zukunft leichter reingelassen zu werden. Der Opportunismus wird siegen. Ich lade sie auf einen Wodka ein und suche eilig das Weite. Mach einen Abstecher auf die Toiletten, wo ich wohlwollend die Druffi-Cliquen beobachte, die aus den Kabinen wabern. Auch ich hatte famose Nächte in diesen Räumen. Aber die Menschen, die dafür nötig waren, hab ich immer selbst mitgebracht.

Als ich jetzt auf der Tanzfläche stehe, umringt von Hipster-Mutanten, und genau wie sie vorgebe, ich hätte THE TIME OF MY LIFE, wird mir bewusst, dass die Menschen woanders gerade im Gottesdienst sitzen. Das ist ja mal mindestens genauso bescheuert. Am besten hol ich mir noch ein Bier und hör auf, soviel zu denken. Der Mensch ist wirklich ein komisches Tier.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

Konzert in g-moll für Pipi und Haftcreme

philha

Ich höre gern klassische Musik. Allerdings hole ich mir darauf keinen runter. Ich kann nichts Heiliges daran sehen, sich jahrhundertealte Schmonzetten reinzuziehen. Und kultiviert ist man deshalb noch lange nicht. Dreht mal für drei Minuten dieses Ding namens „Klassikradio“ an. Immer redet da jemand darüber, wie toll es ist, diese Musik zu hören. Und wenn dann überhaupt mal was kommt, ist es ein Einspieler aus einem Proletenstück wie Carmen oder Ravels Bolero. ZUM ENTSPANNEN UND GENIESSEN. Arschlecken.

Schlimmer ist es nur noch, sich Klassik live anzuhören. Das muss ich feststellen, als ich mal wieder die Philharmonie besuche. Ich mach das manchmal, weil ich den Dirigenten so gern bei der Arbeit zuschaue. Aber in meiner Euphorie habe ich eines wieder vergessen: Da sind Menschen. Viele von ihnen. Sie erwecken den Anschein, als wären sie bei lebendigem Leibe gestorben. Was wollen die hier?

„VIELE SIND WOHL GEKOMMEN, UM IHRE BRONCHITIS MAL SO RICHTIG SCHÖN ABZUHUSTEN.“

Als die ersten Takte von Max Bruchs Violinkonzert erklingen, wird es mir teilweise klar: Viele sind wohl gekommen, um ihre Bronchitis mal so richtig schön abzuhusten. Am liebsten während der leisen Passagen. Andere ruckeln fieberhaft auf ihren Stühlen herum. Immerhin sind sie dabei hoch konzentriert. Ihre Gesichter verraten, dass hier etwas Wichtiges stattfindet. Wichtig genug jedenfalls, dass sie sich zum Zuhören bequemen. Vergnügen sieht anders aus.

In der Pause streune ich durchs Foyer. Die Anderen stehen in Grüppchen beisammen und nippen borniert an ihrem Sekt mit Orange. Die Wolken schweren Parfums können nicht den Geruch nach Pipi und Haftcreme kaschieren. Ich bin nicht empfindlich. Das kenn ich aus meiner Zeit als Hospizpfleger. Aber womit haben Bruch und Skrjabin diesen Beerdigungsflair verdient? Bei den Stones geht’s doch auch nicht so zu. Okay, die leben auch noch.

Es ist nicht mal diese selbstgefällige Art, die mich an den Leuten hier stört. Irgendwie müssen sie sich ja vom Pöbel abheben. Zuerst ein paar Gläschen im KaDeWe und dann der Parkettplatz für zweihundert Euro pro Kopf. Sei ihnen gegönnt. Ich kann nur nicht leiden, wie sie sich auf die Kunst als Statussymbol stürzen. Die meisten Komponisten sind elendig abgenippelt, weil sich keine Sau für sie interessiert hat. Aber kaum sind sie tot, kommen Kulturtouristen wie die und schmücken sich mit ihren blutenden Herzen.

Zweite Hälfte. Tchaikovsky. Auch so einer, den es vor seiner Zeit zerlegt hat. In seiner Sechsten Sinfonie kann man ihm live beim Krepieren zuhören. Genau die spielen sie jetzt. Ich geb mir Mühe die Bonzen aus meinem Bewusstsein zu bannen. Da drängt sich eine Gruppe von acht jungen Typen in die Sitzreihe vor mir. Ich hab mal gehört, dass Studenten zur zweiten Hälfte umsonst rein dürfen.

„KANN DAS PACK NICHT KELLNERN GEHEN, WIE ANDERE SCHULKINDER AUCH?“

Es sind Studenten. Musikstudenten. Das weiß ich, weil ich es wissen soll. Sie bewegen sich zu den Klängen. Zeigen mit anerkennendem Nicken, wenn ihnen eine Stelle gefallen hat. Tauschen überhebliche Blicke, als ein Ritardando ungewöhnlich lange ausfällt. Drehen sich ständig um, weil sie sehen wollen, ob man ihre Expertise erkennt. So ein Pack! Können die nicht kellnern gehen oder Tischtennis spielen, wie andere Schulkinder auch?

Von weither höre ich Tchaikovskys Gelächter, den Terror, die Agonie. Doch ich kann sie nicht teilen, weil ich mir das spackige Rumgehampel dieser Eierköpfe anschauen muss. Selbst schuld, denk ich da. Es gibt schließlich Aufnahmen. Da husten zwar auch dauernd Leute. Aber man kann ihnen allein und mit Kopfhörer lauschen. Der Mensch ist wirklich ein komisches Tier.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

Die U-Bahn ist ein guter Platz zum Sterben

ubahn

Langsam steige ich die Treppe zum U-Bahnhof Birkenstraße hinab. Ich hab es nicht eilig. Der Mann, der hinter mir angerannt kommt, schon. Den Mund zu einem kreisrunden Loch verzogen, nackte PANIK in seinen Augen. Er rempelt mich an, als er an mir vorbeistürzt, nimmt die letzten vier Stufen mit einem Satz. Die Türen seiner Bahn Richtung Osloer Straße schließen sich gerade. Verbissen legt er an Tempo zu. Dann verfängt sich sein Fuß in einer der Netto-Tüten, die man ihm anvertraut hat. Mit einem famosen Hechtsprung legt er sich auf den Beton. Die Bahn fährt ungerührt los. „So ein Mist!“, brüllt er und ich verstehe seine Misere: Er muss nun ganze DREI Minuten auf den nächsten Zug warten.

Ein paar Leute finden sich ein, helfen ihm auf die Beine. Sammeln die Eisteeflaschen und Dosensuppen ein, die noch immer kreuz und quer auf dem Bahnsteig liegen.
„Ist alles gut?“, fragt eine besorgte Frau. Sie sieht sogar gut aus.
„Jaja, mir ist nix passiert.“
Jetzt darf er sich sogar tapfer fühlen. Eigentlich müsste die Frau ihm den Rücken zukehren. Sie müsste verärgert sein, dass er dem Kosmos eine weitere Facette des Unvermögens hinzugefügt hat. Aber nein. Wenn es um ihr heiliges Menschenrecht geht, sich dämlich anzustellen, halten sie alle zusammen.

Und es ist ja auch faszinierend. Ich fühle mich zwar irgendwie niederträchtig. Wie ein Gaffer bei einem Autounfall. Aber ich kann einfach nicht weg schauen. Schon fährt die nächste Bahn ein. Kurz bevor sie hält, werden alle ganz hektisch. Die Leute bleiben nie stehen, wo sie sind. Immer müssen sie ein paar Schritte mit dem Zug mitgehen. Dann bilden sie dichte Trauben vor den Türen und weichen nur widerwillig vor den Aussteigenden zurück. Jede Sekunde ihres Lebens ein Kampf.

„ES SCHEINT EINE URANGST DER MENSCHEN ZU SEIN, DEN AUSSTIEG AN EINEM BAHNHOF ZU VERPASSEN.“

Ich mag die Züge nicht, durch die man komplett durch gehen kann. Denn irgendein Spinner fühlt sich jedes Mal aufgefordert, genau das zu tun. Wo will er hin? Und warum ist es so wichtig, dass er sich noch durch das kleinste Nadelöhr schieben muss? Vorbei an jungen Eltern, die es trotz der allgemeinen Rücksichtslosigkeit geschafft haben, ihren Kinderwagen mit ins Abteil zu quetschen, und nun versuchen ihr schreiendes Kind zu beruhigen. Auch sie müssen zurück weichen, wenn der Spinner seines Weges kommt. Womöglich verdreht er sogar die Augen wegen des Lärms. Dabei kann ich das Kind verstehen: Auch ich möchte schreien. Laut und anhaltend.

Vor jedem Halt drängelt das Volk zu den Türen. Zankt sich um die pole-position am Öffner. Es scheint eine Urangst der Menschen zu sein, den Ausstieg an einem Bahnhof zu verpassen.
„Steigen Sie nächste aus?“, fragen sie leicht hysterisch alle Umstehenden. Das bringen sie sogar vor der Endstation fertig. Wenn ich ihnen so zuschaue, spüre ich in meinem Mund sofort das angenehme Prickeln entstehender Herpesbläschen.

Inmitten eines Pulks verängstigter Leiber werde ich Osloer Straße nach draußen geschwemmt. Ich trete erstmal beiseite. Raus aus der Schusslinie. Schaue mit wachsendem Staunen der Herde zu, wie sie sich auf Rolltreppen rempelt. Sehe ein paar Verzweifelte im Fahrstuhl versauern, weil immer NOCH jemand kommt, bevor die Türen sich schließen können.

Als ich kurz darauf im 150er Bus sitze, atme ich erstmal durch. Allerdings währt die Pause nicht lange. Ein Großmütterchen steigt beim nächsten Halt ein. Der Fahrer wartet geduldig, dass sie auf einen der zahlreichen Sitzplätze sinkt. Doch diesen Moment zögert sie so lange wie möglich hinaus. Als er schließlich doch anfährt, wirbelt sie bedrohlich mit ihrem Hackenporsche durch den Gang. Angebotene Hilfe lehnt sie brüsk ab.

Verdammt, möchte ich rufen, jetzt hast du zwei Weltkriege und den Untergang eines KAISERREICHS überlebt. Kannst du nicht noch ein paar Stunden durchhalten? Der ganze Bus atmet erleichtert auf, als sie sich endlich auf eines der Polster bettet. Doch Schreck! Kurz darauf wackelt sie wieder zum Ausgang, um dort auf ihre Haltestelle zu warten. Bei einem unfreundlichen Rucken des Busses dotzt sie mit ihrer Stirnplatte an die Tür und lässt ein kummervolles Wimmern vernehmen. Auf dem Glas bleibt ein mahnender Fleck zurück.

Ich bin jetzt seit gerade mal zwölf Minuten unterwegs. Doch die Zeit hat gereicht, um alle Kreise der Hölle zu sehen. Warum kann ich nicht einfach zuhause bleiben? Der Mensch ist wirklich ein komisches Tier.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV