Es lebe die Eckkneipe

Eckkneipe

Es wird Zeit, mal wieder ein bisschen Kultur zu machen. Wochenlang hab ich nur zuhause gehockt und an der Flasche genuckelt. Kein Wunder, bei dem Goldpreis. Und seit Erdogan bei mir im Seitenflügel wohnt, geh ich sowieso ungern vor die Tür. Ich meine, will man dem echt begegnen, wenn man gerade verstohlen die Pfandtüten wegbringt? Dann lieber Leibschmerzen oder mit Mutter auf ein Sarah Connor – Konzert.

Heute zieh ich mein schönstes Seelenkostüm an und geh vorn in die Eckkneipe. Da lernt man immer was fürs Leben und manchmal gibt’s sogar Erdnuss-Flips. Ich setze mich auf den letzten freien Barhocker und lass mir ein Bier geben. Neben mir ein Gentleman um die 60, Jeansjacke, hautenge Lederhosen. Sein wesentlich jüngerer Begleiter hängt ihm gebannt an den Lippen, was wohl vor allem daran liegt, dass er kein Deutsch versteht.

„Zahit war mein Fahrer in Algier“, erzählt der Alte der Barkeeperin. „Aber wir haben uns dann auch angefreundet. Die sind ja ganz anders im Maghreb. Viel bescheidener. Nicht so materialistisch wie hier.“
Er steckt Zahit ein paar Münzen zu, die augenblicklich zum Spielautomaten getragen werden. Dort liefern sich bereits ein Türke und ein Skinhead einen Battle am Risiko-Button. Naja, Skinhead. Manche Leute sind ja so entrückt, dass es dann auch schon egal ist, ob sie links oder rechts sind. Die Bar ist besetzt von den Gewerbetreibenden aus meiner Straße. Der Installateur ist da und der Typ mit dem Rumkontor. An der Tür hält ein freundlicher Hüne aus Ghana die Stellung.

„MANCHE LEUTE SIND JA SO ENTRÜCKT, DASS ES DANN AUCH SCHON EGAL IST, OB SIE LINKS ODER RECHTS SIND.“ 

„Also ick war noch nie in Maghreb“, nimmt die Barkeeperin den verlorenen Faden auf. „Aber Tempelhof is ja ooch janz schön.“
Der Sugar-Daddy nickt beflissen, lotet dann aus, ob ich auch in die Unterhaltung einbezogen werden möchte. Ein Streit am Spielautomaten kommt seinen Avancen jedoch zuvor. Der türkische Familienvater scheint irgendwas Außergewöhnliches erreicht zu haben. Plötzlich jubeln alle, der Türsteher beginnt zu tanzen.
„Yeah, Baby“, ruft eine Lady mit Dauerwelle, die vor vierzig Jahren vielleicht mal als MILF durchgegangen wäre. „Shake it!“ Dann jubeln alle noch mehr. Bloß nicht der Skinhead. Dem passt was nicht. Er geht ganz nah mit seinem Gesicht zum Familienvater, ein paar Worte werden gewechselt, es setzt eine Ohrfeige.

Schutzsuchend schau ich zum Türsteher. Dabei wird mir klar, dass er gar kein engagierter Security ist. Er steht nur an der Tür, weil er sonst nichts zu tun hat. Freiwillige Feuerwehr. Auch die Barkeeperin fühlt sich nicht zuständig.
„Dich krieg ich heut’ noch“, schwört der Skinhead und streift geduckt durch die Kneipe. Jedes mal, wenn er sich dem Familienvater nähert, warte ich auf das Blitzen des Messers. Ein Pärchen von einem der Tische sucht eilig das Weite. Ich sehe, wie sie draußen ein Handy zücken.

Die Bullen kommen nach drei, vier Minuten. Sie tuscheln mit der Barkeeperin, die mit den Schultern zuckt und so tut, als wüsste sie nicht, was der Alarm soll.
„Hat’s hier eine Schlägerei gegeben?“, fragen sie stattdessen den Sugar-Daddy.
„Ach wo! Wir sind hier doch alle Amigos!“
„Kein Problem, no problem“, versichert Zahit.
Als die Bullen zu den Automaten kommen, stehen Skinhead und Familienvater daneben, Arm in Arm, breites Grinsen auf dem Gesicht. Aus den Lautsprechern tönt ABBA.
„Komm, Hotte, wir gehen“, sagt der ältere Polizist.
„Wartet mal!“, kräht die Frau mit der Dauerwelle. „Trinkt ihr’n Futschi mit mir?“

Resigniert wackeln die Beamten nach draußen. Als sie weg sind, geht eine diebische Freude im Laden um. Für eine Weile herrscht Harmonie. Dann kriegen sich zwei andere Suffis wegen irgendwas in die Köppe. Wieder liegt Aggression in der Luft. Die Stimmung ist kurz vorm Kippen. Ich bestelle ein neues Bier. In so illustrer Gesellschaft fühlt man sich direkt lebendig.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

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