In nomine Patris et filii et spiritus pipapo

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Ist gut zwanzig Jahre her, dass ich zum letzten Mal in der Kirche war. Mir hat die Hostie so gut geschmeckt, dass ich dafür sogar den Schmu ertragen habe, der da vorher verzapft wird. Irgendwann hab ich allerdings festgestellt, dass man diese Oblaten auch im Supermarkt kaufen kann.
Weiß auch nicht, woher heute die fixe Idee kommt, die mich in den Gottesdienst treibt. Als ob man Sonntag früh nichts besseres zu tun hätte – gegen den Kater antrinken, zum Beispiel. Ich will jetzt auch nicht über die Pfaffen lästern. Das wäre ja, als ob man einen Fisch in der Tonne abschießt. Keine Ahnung. Ist vielleicht einfach mal wieder an der Zeit.

Selbstverständlich kommt für diesen köstlichen Ulk nur eine katholische Kirche in Frage. Ich will mich nicht gegen meinen Herrgott versündigen. Waren es nicht die Protestanten, die den kleinen Jesus ermordet haben? Muss das bei Gelegenheit nochmal nachlesen. Auf jeden Fall kriegt man von ihren Kirchen Augenkrebs. Viele werfen ja der DDR vor, sie hätte mit ihrer Architektur den guten Geschmack vergewaltigt. Ich dagegen glaube, dass es die Evangelen waren, die als Erste die Attribute „zweckmäßig“ und „beleidigend“ verwechselt haben.

„Waren es nicht die Protestanten, die den kleinen Jesus ermordet haben?“

Ist schon ein ungewohntes Gefühl, die Kirchenglocken nicht als Hintergrundrauschen wahrzunehmen, als austauschbare Atmo wie das Vogelgezwitscher oder das Grölen besoffener Hertha-Fans. Nein, heute rufen die Glocken mich zur heiligen Eucharistie. Weihwasser, bekreuzigen, reingehen, hinknien, nochmal bekreuzigen. Gut, dass gerade jemand vor mir gekommen ist, dem ich das alles nachmachen kann.

Ich setze mich auf eine der hinteren Bänke und lausche der Einlassmusik. Kyrie Eleison. Der Priester und seine Messdiener chillen vorn am Altar, während ein Gemeindemitglied ans Rednerpult tritt. Er beginnt seinen Vortrag: „Lesung aus dem Buch Genesis. Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes…“ Und ich denke, echt jetzt? Buch Genesis? Geht’s noch naheliegender? Werde aber entschädigt, als er schließt mit: „Wort des lebendigen Gottes.“ Genau, denk ich: WORD!

Als nächstes ein Lied: „Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen.“ Dann wieder ein Text, der mir meine Sündhaftigkeit vor Augen führt, und wie sehr ich auf die Gnade des Herrn angewiesen bin. Ich versuche ja sogar zuzuhören. Diesen Tiraden, die vielfach vom Hall gebrochen auf meine stinkende Seele einprasseln. Aber irgendwie ist das alles so öde und unendlich weit vom Leben entfernt, dass mein Hirn zu Asche zerfällt.

Endlich stimmt auch mal der Pfarrer eine Litanei an und mir wird klar, wo all die Poetry Slamer ihren unnatürlichen Singsang geklaut haben. Dann wieder aufstehen, hinknien, hinsetzen, Kreuz schlagen, singen. Irgendwann gibt es die Hostie, aber nur die Streber gehen nach vorn, um sie in Empfang zu nehmen. Ich und die anderen krassen Typen aus den hinteren Sitzreihen bleiben, wo wir sind.

„Endlich stimmt auch mal der Pfarrer eine Litanei an und mir wird klar, wo all die Poetry Slamer ihren unnatürlichen Singsang geklaut haben.“

Das war ganz nett. Aber nicht toll. Für meine Kirchensteuer hätte ich was Fetzigeres erwartet. Andererseits krieg ich für die GEZ-Gebühren auch nur belanglosen Bullshit zu schlucken. Und in der Moschee neulich war es auch ziemlich langweilig. Also drück ich nochmal ein Auge zu. Wenigstens darf ich mich nach diesem Vormittag wie ein rechtschaffener Bürger fühlen.

Als ich zurück in die Kneipe komme, steht sogar noch mein angefangenes Bier da.
„Ey, wo warst’n du?“, rufen die Verdammten am Tresen.
„In der Kirche natürlich!“, donnere ich.
„Wir dachten, du hast’n Polnischen gemacht“, sagt jemand mit schlechtem Gewissen.
Ich ordere eine Runde Goldbrand für alle. Doch im Stillen denk ich, Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. WORD des lebendigen Gottes.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

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