Dem Deutschen Volke

reichstagMein Freund Tibur ist in Berlin. Er kommt aus dem Dorf, was mehrere Risiken birgt: Erstens ist er ebenso trinkfest wie trinkfreudig. Und zweitens kann es immer passieren, dass er irgendwelchen Touri-Kram machen will. Wegen ihm bin ich schon mit dem 100er Bus gefahren, war bei Curry 36 und im Simon-Dach-Kiez. Die Würde des Menschen ist unantastbar? Nicht, wenn Tibur am Start ist.

„Ey, Clint, was machen wir heute?“, weckt er mich Sonntag früh. Bis vor drei Stunden waren wir noch in der Kneipe. Ein wahrhaft fickriger Mensch.
„Ich könnte noch’n paar Stunden Schlaf vertragen“, sag ich.
„Ach, was! Wie kann man denn schlafen, wenn man in so einer Weltstadt lebt?“
„Zehn Bier und zehn Schnaps, dann geht es ganz gut. Und wir hatten das Doppelte.“
„Ich will in den Reichstag“, sagt er.
„Was zur Hölle ist dein Problem?“
„Wieso? Darf man sich nicht für Politik interessieren?“
„Doch, natürlich. Man kann sich auf für Bukkake-Pornos interessieren. Aber sowas behält man doch besser für sich.“
„Sei nicht so spießig.“

„Meine Leber platzt vor Stolz.“

Um elf stehen wir vor dem Container an der Scheidemannstraße. Gegen Tiburs Enthusiasmus hätte selbst der Mongolensturm keine Chance gehabt. Er hat es sogar geschafft, in der kurzen Zeit einen Besuchstermin klarzumachen. Verzweifelt beobachte ich die italienischen Reisegruppen, die sich einem inneren Zwang folgend an der Schlange vorbei drängeln. Durch den Kater fühlt sich mein Magen inkontinent an.
„Lass uns wenigsten irgendwo ein Konterbier trinken“, flehe ich.
„Bist du denn gar nicht aufgeregt?“
„Doch, doch. Bringen wir’s hinter uns.“
„In diesem Gebäude wurde die Demokratie erfunden!“
„Meine Leber platzt vor Stolz.“

Nachdem wir durch die Sicherheitsschleuse ins sterile Foyer vorgelassen wurden, wird mir eines schmerzlich bewusst: Alle anderen Besucher wirken wie aus dem Ei gepellt. Kein Fussel am Mantel, polierte Schuhe, saubere Hosen. Ich dagegen bin über den Platz der Republik gekommen, den Regen und Menschenmassen in ein schlammiges Woodstock verwandelt haben. Außer Tibur und mir nehmen vier Japaner und eine Schulklasse aus dem Sauerland an der Führung teil. Und alle starren die Dreckspuren an, die ich auf dem Teppich des Reichstags hinterlasse.

Im ersten Stock müssen wir wieder warten. Die Schüler setzen sich im Schneidersitz auf den Boden und werden von der Empfangsdame aufgefordert, das bleiben zu lassen.
„Wahnsinn“, haucht Tibur und glotzt in den Plenarsaal. „Sonst seh ich das immer im Fernsehen. Und jetzt sind wir tatsächlich hier.“
„Warum flüsterst du so?“, poltere ich. „Wir sind hier doch nicht in der Kirche.“
Wieder setzen sich drei Teenager hin und werden sofort wieder aufgescheucht. Die Empfangsfrau ist selbst gerade mal zwanzig und damit nur drei Jahre älter als die Schüler. Es gibt schon beschissene Jobs.

„Ein Mann muss Prioritäten setzen.“

Auf der Besuchertribüne riecht es nach Klostein. Der Redner stellt andauernd Fragen und zwinkert dabei schelmisch in die Runde.
„Um wählen zu dürfen, muss man achtzehn Jahre alt sein“, sagt er. „Aber weiß hier jemand, wie alt man sein muss, um zum Bundeskanzler gewählt zu werden?“
„Auch achtzehn!“, ruft Tibur und kriegt dafür prompt ein Fleißbienchen. Das halt ich nicht aus. Ich gehe auf die Toilette und mache, was man eben so macht, wenn man verkatert ist. Einmal hab ich im Flugzeug gekotzt, als es gerade den Himalaja überflog. Bundestag ist aber auch ziemlich mondän.

„Kommst du mit auf die Kuppel“, ruft Tibur, als er mich ausfindig gemacht hat.
„Nö“, sag ich. „Hier ist es viel gemütlicher.“
„Aber von da oben kann man die ganze Stadt sehen!“
„Mir ist schlecht. Und die Japaner machen mir Angst.“
Natürlich geh ich dann doch mit. Während wir die Spirale zum Zenit hinaufwandern, quiekt Tibur vor Vergnügen. Dabei sieht man im dichten Nebel gerade noch Tiergarten und Kanzleramt.
„Das ist der beste Tag meines Lebens!“, ruft er.
„Hast du das gestern nicht auch schon gesagt?“
„Du lässt dich für gar nichts begeistern.“
Da hat er recht. Ich hab mal vier Monate in Jerusalem gelebt und mir in der Zeit weder Klagemauer, noch Felsendom, noch Grabeskirche angeschaut. Dafür war das Bier gar nicht schlecht. Ein Mann muss Prioritäten setzen.
„Können wir jetzt endlich ins Wirtshaus gehen?“, frag ich.
„Na, gut. Aber morgen will ich zu Madame Tussaud’s.“
Alles klar. Einfach nicht drüber nachdenken. Vielleicht hab ich Glück und es bricht vorher ein kleiner Weltkrieg aus. Manchmal geschehen angeblich noch Zeichen und Wunder.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

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