I love Kotti

kottMit einem Fehler fing es an. Ich hab mich dazu gesetzt. Jetzt darf ich zwar immer einen Schluck Goldbrand nehmen, wenn die Flasche bei mir vorbei kommt, aber ich muss auch der Konversation zuhören.
„Und ich dachte, der stinkt.“
„Nee, der stinkt nich.“
„Ich war mir sicher, der stinkt. Der sieht so aus, als wenn er stinkt.“
„Der stinkt aber nich!“
Biggi und Krümel heißen die beiden. Sind wahrscheinlich noch nicht mal vierzig. Es ist ihr Permanent-MakeUp aus Augenringen und geplatzten Äderchen, das sie älter aussehen lässt. Ich weiß immer noch nicht, ob sie von einem Mann oder einem Hund sprechen.
„Clint!“, fährt Biggi mich an. „Du heißt doch Clint, oder? Wieso heißt’n du Clint?“
Ich kann nicht gleich antworten, weil ich ein Bier am Hals habe. Krümel kommt mir zu Hilfe.
„Mein Ex hatte auch so’n komischen Namen“, sagt sie. „Olaf hieß der.“
„Seit wann is’n Olaf n’komischer Name?“
„Also ich find ihn komisch. Was sagst’n du dazu, Finn?“
„Wer is’n Finn?“, frag ich.
„Na, du heißt doch Finn, oder?“
„Ach so. Also ich find Olaf nicht komisch. Gib mal die Flasche.“

„BIER, WEIN UND GOLDBRAND – DAS TRIPTYCHON DER GLÜCKSELIGKEIT“

Wir haben es uns vor dem Kaisers gemütlich gemacht. Außer mir und den Ladies sind mit dabei: Schulle, Martin und Jost. Aber die reden nicht viel. Nur wenn einer der Junkies vom U-Bahn-Eingang Ecke Reichenberger rüber kommt und uns anschnorren will, fangen sie an zu schimpfen. Auch hier gibt’s eine klare Hackordnung.

„Clint, du hast doch bestimmt Abitur“, fragt Biggi.
„Heißt der nich Finn?“
Ich gebe zu, dass ich tatsächlich mal in der Schule war.
„Dann kannst du mir doch bestimmt sagen“, fährt Biggi fort, „wer der siebte Kurfürst war?“
„Wie bitte?“
„Mann, hörst du schlecht“, plärrt Krümel. Wahrscheinlich will sie mich dabei anschauen, doch ihr vernebelter Blick kraucht irgendwo am Boden herum.
„Der siebte Kurfürst“, wiederholt Biggi.
„Es gab acht“, brummt Schulle dazwischen.
„Der Finn weiß gar nix. Der war auf der Baumschule.“
Biggi zählt mit geschlossenen Augen auf: Den Pfalzgraf bei Rhein, den König von Böhmen, den Markgraf von Brandenburg.
„Und die drei Erzbischöfe. Aber wer ist der siebte?“
„Es waren acht“, sagt Schulle.
„Wat’n für Erzbischöfe?“
„Na, die von Köln, Mainz und Speyer.“
„Trier“, schreit Krümel und bricht dabei ein bisschen in die Blumenrabatte. „Köln, Mainz und Trier. Uuöörps.“

„DURST IST JA AUCH EIN SYNONYM FÜR LEBEN.“

In dem Moment versucht Martin aufzustehen. Auf halber Strecke erstarrt er plötzlich und wird ganz bleich.
„Oh, Mist“, sagt er.
„Wat’n los?“
„Ich glaub, ich hab eingeschissen.“
Krümel reckt triumphierend einen Arm in die Luft. „Ich sag doch, der stinkt.“
„Also wer ist nun der siebte?“
„Es waren acht“, sagt Schulle.
„Ist noch was vom Goldbrand da?“, will ich wissen.
„Wenn du noch einmal sagst, dass es acht waren, dann dreh ich durch!“, droht Biggi.
„War’n aber acht. Der König von Bayern war auch dabei.“
„Doch erst nach dem Westfälischen Frieden!“, kreischt sie und wirft einen ihrer Schuhe nach ihm.
„Finn glaubt doch eh, dass er was Besseres ist.“
„Ich heiß Clint“, sag ich.
„Echt? Das ja’n komischer Name. Boörps, huch, tschuldigung.“ Fürsorglich wischt Krümel den Kotter von meinem Schuh. „Du biss’n netter Junge. Isser nich’n netter Junge, der Finn?“
„Also ich war mir sicher, es waren acht.“
„Ey, Jost“, ruf ich. „Hock nicht immer so auf der Flasche. Andere Leute wollen auch trinken.“
Jost reicht den Fusel weiter. Biggi gibt mir einen Klaps auf den Oberschenkel. Mann, hab ich einen Durst. Wie hat Jörg Fauser gesagt? Durst ist ja auch ein Synonym für Leben.
Und der Herzog von Sachsen rotiert im Grab wie ein Grillhähnchen.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

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