KaDeWe – Eat the Rich, Ban the Poor

kadeweVorbei am Kerzenmeer auf dem Breitscheidplatz, Ampel anhalten, Bogen um den übellaunigen Rohling, der mir einen Restaurant-Flyer andrehen will. Zum Schluss noch das ein oder andere Großmütterchen beiseite geschubst, dann bin ich endlich zuhause: Im Tempel der Freiheit, dem Allerheiligsten des Geschmacks: KaDeWe. Genauso bescheuert wie Dubai, aber wenigstens mit einer Geschichte.

Mit großen Schritten durchmesse ich das Erdgeschoss. An den Parfumständen lassen sich reiche Witwen die Handgelenke benetzen, plaudern dabei vertraulich mit den Verkäuferinnen – mehr soziale Kontakte haben sie vermutlich nicht mehr. Zugereiste aus Teltow Fläming beobachten das makabere Schauspiel und versuchen im Anschluss den Ennui der Großbürgerinnen zu kopieren. Die Mutigsten berühren im Überschwang sogar eine Schweinsledertasche von Louis Vuitton. Kichern, Selfie, dann schnell zurück in den dunklen Winkel der Evolution, in dem sie sich heimisch fühlen.

„KADEWE: GENAUSO BESCHEUERT WIE DUBAI, ABER WENIGSTENS MIT EINER GESCHICHTE.“

Auf dem Weg in den sechsten Stock bleibe ich vor einem großen Schild stehen: SALE 50%. In meiner Nähe zischelt ein behandschuhter Verkäufer mit seinem Kollegen:
„Ich hab sie satt, diese Kretins aus Russland. Was glauben die eigentlich?“
„Nicht so laut, Henning.“
„Steht auf meiner Stirn DEPP VOM DIENST?“
Ein anderer Lakai taucht neben mir auf, mustert meinen abgerissenen Aufzug.
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, fragt er.
„Diese SALE-Schilder“, sag ich und warte, bis er mit seinem Ohr näher kommt. „Die wirken doch ziemlich billig.“
Der Lakai richtet sich wieder auf, seufzt dann: „Wem sagen Sie das…“ Mit einem einvernehmlichen „Noblesse oblige“ gehen wir auseinander.

Kurz darauf sitz ich beim Bier am berühmten Bogenfenster, blicke auf die hart arbeitenden Angestellten der Global Gold AG auf der anderen Seite des Kudamms. An der Bar schwadronieren vier Mittsechziger im Jargon alter Verbindungsbrüder. Jeder soll mitkriegen, dass sie Stammgäste sind.
„Lass nochma die Luft raus, Hotte!“, brüllen sie den Barkeeper an. Als in der Nähe ein Kind zu plärren beginnt, aufgeschreckt durch den Lärm, tun sie brüskiert: Nicht mal hier hat man seine Ruhe vor den Lebenden.

Ich ziehe weiter, zwänge mich auf einen freien Hocker an der Moët-Bar. Links von mir drei Zahnarzt-Gattinnen vor dem Shopping-Kollaps. Rechts ein Sugar-Daddy (lachsfarbener Pulli mit hellblauem Kragen, Brille getönt, glänzende Stirn bis zur Mitte des Schädels) mit seiner Mätresse (weißer Lippenstift auf sehr schmalen Lippen, wenig Kleidung, viele Tattoos).
„Ne Portion Fritten und’n Krautsalat“, ruf ich beschwingt.
Die Barfrau schenkt mir ein Glas Rosé ein.
„…da sind dann für’n paar Tage alle Stinkefinger oben bei mir…“, wehen Gesprächsfetzen an mein Ohr. „…und da hamwa dann n’bisschen Quatschi-Quatschi gemacht. Ich meine, so einen Typ Mitarbeiter sollte er auch beherrschen KÖNNEN.“

„ZWISCHEN ZAHNARZT-GATTINNEN, SUGAR-DADDIES UND IHREN MÄTRESSEN“

Ich leere mein Glas, winke nach einem Refill. Auch hier müssen viele zeigen, wie regelmäßig sie herkommen. Das Händeschütteln mit der Bedienung wird stets mit beiden Händen ausgeführt: Ausdruck tiefster Verbundenheit. Ich beginne damit, jeden Blick missbilligend zu erwidern. Das zeigt erstaunliche Wirkung. Sofort fühlen die Emporkömmlinge sich vom Undercover-Aristokraten deklassiert. Zurecht, möchte ich meinen.

Langsam erhebe ich mich, lasse ein halbvolles Glas und übertrieben viel Trinkgeld zurück. Dann gehe ich in die Lebensmittel-Abteilung und kaufe ein: Drei Tüten Maggi Fix für Chili con Carne.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s