Hunde, wollt ihr ewig leben?

 

silvesterDas Jahr geht zu Ende. Ich sitze im Sessel und versuche zu meiner Beruhigung Primzahlenreihen zu bilden: 1914, 1933, 1939, 2016. Auch nicht gerade erheiternd. Mein mathematisches Talent lässt zu wünschen übrig. Aber irgendwie muss man sich ablenken. Da! Schon wieder ein Knall, der die Fensterscheiben erzittern lässt. Seit gestern verkaufen die Spätis Feuerwerkskörper. Und die Kinder aus der Nachbarschaft sind redlich bemüht, eine Atmosphäre wie im Osten Aleppos zu schaffen.

Gab es neulich nicht wieder einen größeren Unfall auf einem Feuerwerksmarkt bei Mexiko-Stadt? Ich will jetzt nicht die Phrase vom „sinnlosen Tod“ aus dem Hut zaubern. Aber es gibt schon extrem bescheuerte Arten zu sterben. Wer will zum Beispiel von einem Smart überfahren werden? Das ist doch würdelos. Genauso wie in einer Achterbahn draufzugehen. Wenn der TÜV Murks gemacht hat und die Gondel sich in einer Kurve aus der Verankerung löst. Da denkt man doch, während man auf den Betonboden zusegelt: „Scheiße. Ich hätt’s eigentlich wissen müssen.“ Epic Fail.

„ICH BILDE ERBAULICHE PRIMZAHLENREIHEN: 1914, 1933, 1939, 2016“

Ein sinnloser Tod. Kennt man ja aus dem Krieg. Verdun. Dardanellen. Ardennen. Was man außerdem aus dem Krieg kennt, ist Lärm. Als die Welle einmal nach Stalingrad und zurück geschwappt ist, wurde deshalb eher wenig ziviles Feuerwerk abgebrannt. Auch nach ’45 hat sich das in Europa erstmal nicht geändert. Wahrscheinlich weil die Produktion von Flaschenraketen nur schleppend anlief. Vielleicht aber auch, weil die Leute einfach gemerkt haben, wie uncool Krieg ist. Genauso wie alles, was an ihn erinnert.

Aber im Moment wähnt der Ottonormaldepp den Krieg weit entfernt und deckt sich deshalb hysterisch mit Böllern ein. Und wie immer, wenn entfesselte Menschenmassen die Straßen beherrschen, sehe ich nur einen Ausweg: Flucht aus Berlin. Untertauchen im Umland. Vor der guten Laune euphorisierter Kretins kann man nur in Deckung gehen. Und dabei hoffen, dass die eigene Wohnung nicht von einem Querschläger in Brand gesteckt wird.

Kennt jemand den Film „The Purge“? Eine dystopische Gesellschaft schafft sich einen Feiertag, an dem das Morden erlaubt ist. Damit sich die Bevölkerung mal so richtig austoben kann und den Rest des Jahres nicht rumnervt. Wenn ich am 29. Dezember durch den Wedding schlendere, muss ich immer daran denken. Noch zwei, drei Jahre, dann läuft das hier auch so. Zehnjährige Gören lungern vor Hauseingängen herum und werfen Kanonenschläge nach allem, was sich bewegt. Radfahrer werden mit Raketen vom Sattel geblasen. Familienväter stehen auf ihren Balkons und ballern ein Magazin nach dem anderen leer. Hülsen und verbranntes Schwarzpulver auf dem Asphalt. In der Luft das freudlose Lachen der Verdammten.

„IHR, DIE IHR HIER EINTRETET, LASST ALLE HOFFNUNG FAHREN.“

Dabei haben sie noch nicht mal angefangen zu saufen. Erst an Silvester beginnt das große Gelage. Wenn die Amateurtrinker ihre ulkigen Brühen verteilen. Sekt, Sangria und Bowle. Überzuckert und aufgeschwemmt von der Adventszeit, kann man zum Schluss nochmal richtig ins Klo greifen. Damit das alte Jahr kotzend endet. Und das neue kotzend beginnt.

Gut, dass ich dann nicht da bin. Ich komme erst zurück nach Berlin, wenn Asche und Rauch sich gelegt haben. Bis dahin entzünde ich eine Wunderkerze. Für die Zukunft unserer glorreichen Spezies. Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren. HAPPY 2017.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s