So schön, dass man kotzen möchte

gluhweinklein

Irgendein archaisches Fest scheint demnächst wieder anzustehen. In der neuen Folge seiner misanthropischen Seifenoper geht Clint der Sache auf den Grund.

Glühwein. Ein schönes, heißes Glas Glühwein. Gerade in der kalten Jahreszeit trink ich gern mal ein SCHÖNES GLAS GLÜHWEIN. Gehört für mich einfach dazu. Wenn’s draußen kalt wird. Ich fang immer schon im September an Schokoladen-Nikoläuse zu fressen vor lauter Vorfreude. Mann, ich liebe einfach Glühwein.

Am besten schmeckt er am Alex. Da ist auch die Atmosphäre, ach, die ist einfach magisch. Also ich bin ja eher altmodisch, was Weihnachtsmärkte betrifft. Ich bin so ein Mensch, schon immer gewesen, für den gehören Maroni und gebrannte Mandeln einfach dazu. Aber am Alex, ja? Da gibt’s noch tausend andere Sachen. Emoji-Plüschkissen, zum Beispiel. So fürs Sofa. Handy-Zubehör. Geldbeutel aus Bangladesch. Und Verkäufer aus Bangladesch. Mit Nikolaus-Mützen.

„HEISSE MARONI, MINI-SEGWAYS UND EMOJI-PLÜSCHKISSEN“

Schon am Eingang zum Markt könnte ich vor Wonne kotzen. Wenn ich in die Schwärme herzensguter Schlägertypen gerate, ihre Frauchen am Arm, Visagen wie Fallbeile. Apropos, es gibt da tatsächlich ein Fallbeil. Zum Posieren für festliche Fotos. Vorm DAEMONIUM steht das. Auf einem Weihnachtsmarkt darf eine Geisterbahn schließlich nicht fehlen. Und hier gibt es zwei. Ich will jetzt nicht bieder sein. Wenn das Volk einen Prater will, soll es einen bekommen.

Weil toll ist das schon. Dass man im Crazy Game Palace gleich die Drohnen und Mini-Segways für die Bescherung gewinnen kann. Ist dir schlecht vom fettigen Langosz mit Käse und Schmand? Dann rein in die Wilde Maus. Sollen doch alle was davon haben. Die Schausteller aus Benelux beobachten das Treiben mit hasserfüllten Gesichtern. Und die Taschendiebe beklauen sich aus Langeweile schon gegenseitig.

Jauchzen möchte man da! Wenn die Karstadt-Betriebsfeier geschlossen auf die Eisbahn drängt. Rotweinmünder und einsame Hüften, die sich zum Beat von Andrea Berg um sich selbst drehen. „Was ich für dich fühle zeig ich nicht – die Gefühle haben Schweigepflicht.“ Hatten letztes Jahr nicht alle Angst, dass es auf Weihnachtsmärkten zu Terror-Anschlägen kommen könnte? Was soll die Aufregung? Hier sind doch alle schon tot.

Jetzt einen schönen Glühwein. Ist wie der Tomatensaft im Flugzeug. Normalerweise käme man niemals auf die Idee, so einen Schmu zu trinken. Aber in bestimmten Situationen ist es heilige Pflicht. Und nur sechs Euro fünfzig das Glas! Unter dem Fusel ein leichter Hauch von Verwesung. Ahhh, das schmeckt. Danach noch auf einen Absacker ins Partyhaus vom Nikolaus. Jeden Tag ab 19 Uhr Hüttenparty.

„ANGST VOR TERRORANSCHLÄGEN? HIER SIND DOCH ALLE SCHON TOT.“

Und wie beruhigend ist es zu sehen, dass die ausländischen Touristen sich hier so bereitwillig einfügen in unsere Leitkultur. Die Männer tragen würdelose Wollmützen, die Frauen Haarreifen mit Glitzergeweih. Dann stehen sie am brennenden Fass beisammen, schütten Eierpunsch in sich hinein und grölen Melodien aus einer besseren Welt.

Da krieg ich direkt weiche Knie. Integration ist doch möglich. Wenn das Hirn umnebelt ist von Adventshysterie und süßen Getränken, darf sich jeder als Teil derselben großen Familie fühlen. Auch ich will dazu gehören. Deshalb noch ein Glas Glühwein. Bis der Stirnlappen platzt. Wir sind die Krone der Schöpfung. Wir können stolz auf uns sein. Im übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s