Die letzte Bastion der bärtigen Bubis

berhainkleinIch war seit drei Jahren nicht mehr im Berghain. Damals wäre ich nie auf die Idee gekommen, nüchtern hier aufzutauchen. Ich meine, es ist überhaupt Wahnsinn, das Haus zu verlassen, ohne sich mit ein paar Gläsern Wein die Nerven zu polstern. Aber in diesem Zusammenhang sprech ich natürlich nicht von Alkohol. Druff, druff, druff waren wir stets. Und das hat auch immer geholfen. Trotzdem bin ich vollkommen nüchtern, als ich mich Sonntag morgen in die Schlange einreihe.

Das Merkwürdige dabei ist: Ich hab das Gefühl, ich bin nicht der einzige. Natürlich sehe ich die ein oder andere Feiermaus. Typen mit aschfahler Haut, die offensichtlich seit Donnerstag unterwegs sind. Brüder im Geiste. Doch die meisten wirken ekelhaft frisch und pragmatisch. Sie bewegen sich in den empfohlenen Dreiergruppen Richtung Türsteher, versuchen dabei so auszusehen, als wäre ihnen alles egal.

DIE MEISTEN WIRKEN EKELHAFT FRISCH UND PRAGMATISCH.“

Sind das die, deren Social-Media-Blase gerade geplatzt ist? Die BEEN THERE, DONE THAT – Generation? Die von Brexit und Trump angepisst sind, weil damit eine ekelhaft aufdringliche Realität Gestalt angenommen hat? Eine Realität, die ihre unberührbare Hipster-Wäsche zu zerknittern droht? Egal, wie abgeklärt sie sich geben, eines ist ihnen mit Sicherheit nicht egal: Sie wollen UNBEDINGT in diesen Club. Alles hängt für sie davon ab. Ihre street cred, ihr Selbstbild, ihr Leben.

Als ich drin bin, am Tresen lehne, ein Frühstücksbier trinke und sie weiter beobachte, wird mir klar, dass sie deshalb auch so beschissen humorlos sind, wenn es ums Berghain geht. Religion ist out, Idealismus ist out, die Kunst hat nichts mehr zu bieten. Aber hier steht noch ein Heiligtum, das jeden adelt, der es in seine Hallen schafft. Als Gegenleistung tun die Gesegneten dann, als gelte es diese Aura zu wahren. Gegen den Ansturm der schnöden Massen. Dabei ist das Berghain inzwischen eine Kulturstätte mit Steuervergünstigungen.   Mehr Mainstream geht wohl nicht.

Wenn sie den Segen wenigstens nutzen würden, um ausgelassen zu feiern. Zu ficken und sich mit Gift vollzupumpen. Aber ich seh sie nur dämlich am Rand stehen. Junge, zu dünne Dinger, peinlich darauf bedacht, cool und lässig zu wirken. Selbst wenn sie tanzen, selbst wenn die Jalousien in der Panne-Bar aufgehen und ein scheinbar spontaner Jubel losbricht, selbst dann achten sie auf jede ihrer Bewegungen. Bloß niemals aus der Rolle fallen. Sowas Pedantisches. Die verbringen ihr ganzes Leben in einer inneren Berghain-Schlange.

„DIE VERBRINGEN IHR GANZES LEBEN IN EINER INNEREN BERGHAIN-SCHLANGE.“

Nach einigen Bieren komme ich mit der Barkeeperin ins Gespräch. Sie ist freundlich und doch reserviert. Wahrscheinlich hat sie Angst, dass ich ihre Bekanntschaft ausnutzen will, um in Zukunft leichter reingelassen zu werden. Der Opportunismus wird siegen. Ich lade sie auf einen Wodka ein und suche eilig das Weite. Mach einen Abstecher auf die Toiletten, wo ich wohlwollend die Druffi-Cliquen beobachte, die aus den Kabinen wabern. Auch ich hatte famose Nächte in diesen Räumen. Aber die Menschen, die dafür nötig waren, hab ich immer selbst mitgebracht.

Als ich jetzt auf der Tanzfläche stehe, umringt von Hipster-Mutanten, und genau wie sie vorgebe, ich hätte THE TIME OF MY LIFE, wird mir bewusst, dass die Menschen woanders gerade im Gottesdienst sitzen. Das ist ja mal mindestens genauso bescheuert. Am besten hol ich mir noch ein Bier und hör auf, soviel zu denken. Der Mensch ist wirklich ein komisches Tier.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

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