Konzert in g-moll für Pipi und Haftcreme

philha

Ich höre gern klassische Musik. Allerdings hole ich mir darauf keinen runter. Ich kann nichts Heiliges daran sehen, sich jahrhundertealte Schmonzetten reinzuziehen. Und kultiviert ist man deshalb noch lange nicht. Dreht mal für drei Minuten dieses Ding namens „Klassikradio“ an. Immer redet da jemand darüber, wie toll es ist, diese Musik zu hören. Und wenn dann überhaupt mal was kommt, ist es ein Einspieler aus einem Proletenstück wie Carmen oder Ravels Bolero. ZUM ENTSPANNEN UND GENIESSEN. Arschlecken.

Schlimmer ist es nur noch, sich Klassik live anzuhören. Das muss ich feststellen, als ich mal wieder die Philharmonie besuche. Ich mach das manchmal, weil ich den Dirigenten so gern bei der Arbeit zuschaue. Aber in meiner Euphorie habe ich eines wieder vergessen: Da sind Menschen. Viele von ihnen. Sie erwecken den Anschein, als wären sie bei lebendigem Leibe gestorben. Was wollen die hier?

„VIELE SIND WOHL GEKOMMEN, UM IHRE BRONCHITIS MAL SO RICHTIG SCHÖN ABZUHUSTEN.“

Als die ersten Takte von Max Bruchs Violinkonzert erklingen, wird es mir teilweise klar: Viele sind wohl gekommen, um ihre Bronchitis mal so richtig schön abzuhusten. Am liebsten während der leisen Passagen. Andere ruckeln fieberhaft auf ihren Stühlen herum. Immerhin sind sie dabei hoch konzentriert. Ihre Gesichter verraten, dass hier etwas Wichtiges stattfindet. Wichtig genug jedenfalls, dass sie sich zum Zuhören bequemen. Vergnügen sieht anders aus.

In der Pause streune ich durchs Foyer. Die Anderen stehen in Grüppchen beisammen und nippen borniert an ihrem Sekt mit Orange. Die Wolken schweren Parfums können nicht den Geruch nach Pipi und Haftcreme kaschieren. Ich bin nicht empfindlich. Das kenn ich aus meiner Zeit als Hospizpfleger. Aber womit haben Bruch und Skrjabin diesen Beerdigungsflair verdient? Bei den Stones geht’s doch auch nicht so zu. Okay, die leben auch noch.

Es ist nicht mal diese selbstgefällige Art, die mich an den Leuten hier stört. Irgendwie müssen sie sich ja vom Pöbel abheben. Zuerst ein paar Gläschen im KaDeWe und dann der Parkettplatz für zweihundert Euro pro Kopf. Sei ihnen gegönnt. Ich kann nur nicht leiden, wie sie sich auf die Kunst als Statussymbol stürzen. Die meisten Komponisten sind elendig abgenippelt, weil sich keine Sau für sie interessiert hat. Aber kaum sind sie tot, kommen Kulturtouristen wie die und schmücken sich mit ihren blutenden Herzen.

Zweite Hälfte. Tchaikovsky. Auch so einer, den es vor seiner Zeit zerlegt hat. In seiner Sechsten Sinfonie kann man ihm live beim Krepieren zuhören. Genau die spielen sie jetzt. Ich geb mir Mühe die Bonzen aus meinem Bewusstsein zu bannen. Da drängt sich eine Gruppe von acht jungen Typen in die Sitzreihe vor mir. Ich hab mal gehört, dass Studenten zur zweiten Hälfte umsonst rein dürfen.

„KANN DAS PACK NICHT KELLNERN GEHEN, WIE ANDERE SCHULKINDER AUCH?“

Es sind Studenten. Musikstudenten. Das weiß ich, weil ich es wissen soll. Sie bewegen sich zu den Klängen. Zeigen mit anerkennendem Nicken, wenn ihnen eine Stelle gefallen hat. Tauschen überhebliche Blicke, als ein Ritardando ungewöhnlich lange ausfällt. Drehen sich ständig um, weil sie sehen wollen, ob man ihre Expertise erkennt. So ein Pack! Können die nicht kellnern gehen oder Tischtennis spielen, wie andere Schulkinder auch?

Von weither höre ich Tchaikovskys Gelächter, den Terror, die Agonie. Doch ich kann sie nicht teilen, weil ich mir das spackige Rumgehampel dieser Eierköpfe anschauen muss. Selbst schuld, denk ich da. Es gibt schließlich Aufnahmen. Da husten zwar auch dauernd Leute. Aber man kann ihnen allein und mit Kopfhörer lauschen. Der Mensch ist wirklich ein komisches Tier.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

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