Die U-Bahn ist ein guter Platz zum Sterben

ubahn

Langsam steige ich die Treppe zum U-Bahnhof Birkenstraße hinab. Ich hab es nicht eilig. Der Mann, der hinter mir angerannt kommt, schon. Den Mund zu einem kreisrunden Loch verzogen, nackte PANIK in seinen Augen. Er rempelt mich an, als er an mir vorbeistürzt, nimmt die letzten vier Stufen mit einem Satz. Die Türen seiner Bahn Richtung Osloer Straße schließen sich gerade. Verbissen legt er an Tempo zu. Dann verfängt sich sein Fuß in einer der Netto-Tüten, die man ihm anvertraut hat. Mit einem famosen Hechtsprung legt er sich auf den Beton. Die Bahn fährt ungerührt los. „So ein Mist!“, brüllt er und ich verstehe seine Misere: Er muss nun ganze DREI Minuten auf den nächsten Zug warten.

Ein paar Leute finden sich ein, helfen ihm auf die Beine. Sammeln die Eisteeflaschen und Dosensuppen ein, die noch immer kreuz und quer auf dem Bahnsteig liegen.
„Ist alles gut?“, fragt eine besorgte Frau. Sie sieht sogar gut aus.
„Jaja, mir ist nix passiert.“
Jetzt darf er sich sogar tapfer fühlen. Eigentlich müsste die Frau ihm den Rücken zukehren. Sie müsste verärgert sein, dass er dem Kosmos eine weitere Facette des Unvermögens hinzugefügt hat. Aber nein. Wenn es um ihr heiliges Menschenrecht geht, sich dämlich anzustellen, halten sie alle zusammen.

Und es ist ja auch faszinierend. Ich fühle mich zwar irgendwie niederträchtig. Wie ein Gaffer bei einem Autounfall. Aber ich kann einfach nicht weg schauen. Schon fährt die nächste Bahn ein. Kurz bevor sie hält, werden alle ganz hektisch. Die Leute bleiben nie stehen, wo sie sind. Immer müssen sie ein paar Schritte mit dem Zug mitgehen. Dann bilden sie dichte Trauben vor den Türen und weichen nur widerwillig vor den Aussteigenden zurück. Jede Sekunde ihres Lebens ein Kampf.

„ES SCHEINT EINE URANGST DER MENSCHEN ZU SEIN, DEN AUSSTIEG AN EINEM BAHNHOF ZU VERPASSEN.“

Ich mag die Züge nicht, durch die man komplett durch gehen kann. Denn irgendein Spinner fühlt sich jedes Mal aufgefordert, genau das zu tun. Wo will er hin? Und warum ist es so wichtig, dass er sich noch durch das kleinste Nadelöhr schieben muss? Vorbei an jungen Eltern, die es trotz der allgemeinen Rücksichtslosigkeit geschafft haben, ihren Kinderwagen mit ins Abteil zu quetschen, und nun versuchen ihr schreiendes Kind zu beruhigen. Auch sie müssen zurück weichen, wenn der Spinner seines Weges kommt. Womöglich verdreht er sogar die Augen wegen des Lärms. Dabei kann ich das Kind verstehen: Auch ich möchte schreien. Laut und anhaltend.

Vor jedem Halt drängelt das Volk zu den Türen. Zankt sich um die pole-position am Öffner. Es scheint eine Urangst der Menschen zu sein, den Ausstieg an einem Bahnhof zu verpassen.
„Steigen Sie nächste aus?“, fragen sie leicht hysterisch alle Umstehenden. Das bringen sie sogar vor der Endstation fertig. Wenn ich ihnen so zuschaue, spüre ich in meinem Mund sofort das angenehme Prickeln entstehender Herpesbläschen.

Inmitten eines Pulks verängstigter Leiber werde ich Osloer Straße nach draußen geschwemmt. Ich trete erstmal beiseite. Raus aus der Schusslinie. Schaue mit wachsendem Staunen der Herde zu, wie sie sich auf Rolltreppen rempelt. Sehe ein paar Verzweifelte im Fahrstuhl versauern, weil immer NOCH jemand kommt, bevor die Türen sich schließen können.

Als ich kurz darauf im 150er Bus sitze, atme ich erstmal durch. Allerdings währt die Pause nicht lange. Ein Großmütterchen steigt beim nächsten Halt ein. Der Fahrer wartet geduldig, dass sie auf einen der zahlreichen Sitzplätze sinkt. Doch diesen Moment zögert sie so lange wie möglich hinaus. Als er schließlich doch anfährt, wirbelt sie bedrohlich mit ihrem Hackenporsche durch den Gang. Angebotene Hilfe lehnt sie brüsk ab.

Verdammt, möchte ich rufen, jetzt hast du zwei Weltkriege und den Untergang eines KAISERREICHS überlebt. Kannst du nicht noch ein paar Stunden durchhalten? Der ganze Bus atmet erleichtert auf, als sie sich endlich auf eines der Polster bettet. Doch Schreck! Kurz darauf wackelt sie wieder zum Ausgang, um dort auf ihre Haltestelle zu warten. Bei einem unfreundlichen Rucken des Busses dotzt sie mit ihrer Stirnplatte an die Tür und lässt ein kummervolles Wimmern vernehmen. Auf dem Glas bleibt ein mahnender Fleck zurück.

Ich bin jetzt seit gerade mal zwölf Minuten unterwegs. Doch die Zeit hat gereicht, um alle Kreise der Hölle zu sehen. Warum kann ich nicht einfach zuhause bleiben? Der Mensch ist wirklich ein komisches Tier.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint als regelmäßige Kolumne bei BERLINMUSIV.TV

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